: Sex und Kaffernbier
Grauenhaftes und Großartiges aus den Sechzigern: Gianni ProiasMondo-Film „Welt ohne Scham“ und Eddy Sallers „Schamlos“ im Doppel
von DETLEF KUHLBRODT
In den Sechzigerjahren, vor der Einführung des Massentourismus und vor der Aufhebung des Pornografieverbotes, war die Welt noch in Ordnung. Auf der einen Seite gab es das Bekannte, die befriedete bürgerliche Welt des Abendlandes, auf der anderen Seite das Ausgeschlossene, das Fremde, das Obszöne, Dinge, die man nicht sehen sollte und doch so gern sehen würde; kurz: Sex, Gewalt, wilde Tiere und die Gebräuche „primitiver“ Stämme. Dem Bedürfnis, diese Dinge zu sehen, ohne selbst verunsichert zu werden, dienen die Mondo-Filme der 60er-Jahre, deren Prototyp 1962 in die Kinos kam.
Mit „Mondo Cane“ schuf der italienische Regisseur und Produzent Gualtieri Jacopetti damals einen neuen reißerischen Typ des Pseudodokumentarfilms, diverse andere italienische Regisseure setzten die Mondo-Reihe fort, deren Attitüde irgendwo zwischen „Coupé“, frühem Splatter und der beliebten RTL2-Serie „die dümmsten Verbrecher (Frauen, Autofahrer usw.) der Welt“ lag.
In einem Doppelprogramm des Filmclub Z zeigt das Central-Kino nun „Welt ohne Scham“ von Gianni Proia und den großartigen 68er-Gangsterklassiker „Schamlos“ von Eddy Saller. Der Titel „Welt ohne Scham“ ist durchaus treffend, wenn man ihn auf den gruseligen Film selbst anwendet, der unter dem augenzwinkernden Vorwand, eine Art Anthropologie zu entwerfen, den schäbigsten Spießernihilismus bedient. Möglicherweise hatte dieser damals noch antibildungsbürgermäßige, heute mehrheitsfähige Nihilismus sogar ein subversives Element, doch eigentlich ist der Film ganz unerträglich. Man sieht das Kolosseum; eine Stimme erzählt von den rauhen Vergnügungen dort, die den unsrigen doch im Prinzip nicht so fern seien. Immer sei es dem Menschen nur darum gegangen, seine Zeit totzuschlagen. Asiaten rauchen Opium oder trinken Schlangenblut – eine Delikatesse, kicher, kicher –, Schwarze trinken in Reservaten Kaffernbier, immer wieder kommen auch süffisant kommentierte junge „Damen“ aus den Bordellen dieser Welt vorbei. Die Welt ist ein Jahrmarkt.
Lustig vielleicht noch, dass die reaktionäre Sequenz – Twist tanzende junge Menschen werden mit kultisch tanzenden Schwarzen zusammengeschnitten – sich nur im denunzierenden Kommentar von der progressiveren Variante dieser Szene unterscheidet. „Welt ohne Scham“ ist der einzige Mondo-Film, der zum Teil auch in Deutschland gedreht wurde. Es hieß immer, dass es eine Szene in dem Film geben würde, in der Landowsky und Diepgen als schlagend Verbundene fechten. Leider habe ich die beiden Schlingelanten nicht entdecken können; in der einzigen Berliner Szene sieht man nur barbusige Frauen in einer zwielichten Reitschule reiten und fettgesichtige Männer grinsen dazu.
Der Halbstarkenfilm „Schamlos“ dagegen ist durchgehend großartig und von einer Härte und Coolness, die zuweilen an „Clockwork Orange“ erinnert und später vielleicht nur noch von Roland Klick im deutschsprachigen Kino erreicht wurde. Im schönsten Schwarzweiß geht es um Sex, Gewalt und die „authentische“ Geschichte eines jungen Zuhälters und Bandenchefs. Sehr einfallsreich wird gemordet. Der Filmsex ist noch auf der Seite der Utopie, Udo Kier ist so sexy wie seine Partnerin, die Beatmusik ist wild und jung, irgendwann gibt es sogar Szenen einer Otto-Mühl-Performance.
Wunderschön sind auch die Dialoge. Irgendwann unterhalten sich zwei ältere Leute: „Ist ihre Tochter auch so modern? – Ja, in diesem Alter sind sie alle so“, oder zwischendurch sagt die junge Heldin den stets gültigen Satz jugendlicher Renitenz: „Mach, was du willst. Ist ja doch alles sinnlos!“
„Schamlos“ (1968) von Eddy Saller und „Welt ohne Scham“ (1965) von Manfred Durniok, 23:15 Uhr, Central 2, , Rosenthaler Straße 39, Mitte
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen