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Kein Fall für Literaturkritiker

Ob Martin Walsers neues Buch „Tod eines Kritikers“ taugt oder nicht, werden erst die Debatten der kommenden Wochen belegen können – oder auch nicht. Was es womöglich auch zum Ausdruck bringt – Hass auf eine als jüdisch imaginierte Literaturkritik wie die Marcel Reich-Ranickis –, das muss dagegen schon jetzt Gegenstand einer Debatte sein.

Kommentarvon JAN FEDDERSEN

Dass die FAZ Walsers Roman nicht durch Vorabdruck auf ihren Feuilletonseiten adeln will, ist o.k. Eine solche Entscheidung obliegt einzig der Redaktion. Deren Votum wird auch nicht dadurch diskreditiert, dass es öffentlich bekannt gegeben wird, ohne dass das Publikum den literarischen Stoff kennen kann, um den es geht. Walser selbst hätte die Ablehnung ohnehin umgehend der Konkurrenz mitgeteilt, wäre sie ihm nur quasi privat mitgeteilt worden. Warum nicht der üblen Nachrede vorbeugen?

Ebenso wenig ist Anstoß daran zu nehmen, dass Walser geschrieben hat, was er schrieb – und mit welchen Mitteln er es tat. Jeder Autor muss allein abschätzen können, was ihn gesellschaftsfähig macht und was nicht. Sollte sich herausstellen, dass der Mann vom Bodensee tatsächlich seinen inneren Dämonen traute und sie zum Roman verfertigte, dann wäre das sein Problem. Walser müsste lediglich damit leben, dass es dann vorbei wäre mit der Rolle des immer nur Missverstandenen.

Auch muss man Walser in Schutz nehmen für all die Vag- und Verrauntheiten, mit denen er die deutsche Öffentlichkeit seit Ende der Sechzigerjahre konfrontiert. Politisch konkret war er nie, auch nicht präzise in dem, was er sagen wollte. Das gerade jetzt gegen ihn zu wenden, ist unlogisch: Der Erfolg Walsers beruht ja auf seiner (vorsätzlichen) Ungenauigkeit. Darauf, dass er gerne vernebelt mitteilt, was ihm gemütsschweres Unbehagen bereitete: eine gewisse Heimatlosigkeit, ein Leiden an der Last der deutschen Vergangenheit und ein Unwohlsein am Leben überhaupt.

Das sind, alles in allem, Befindlichkeiten eines älteren Herren. Walser dafür als notorischen Antisemiten zu geißeln, geht zu weit. Denn erstens wird damit eine Person per Akklamation gesellschaftlich erledigt. Und zweitens bagatellisiert ein solches Vorgehen die analytische Kraft dessen, was einst mit dem Vorwurf des Antisemitismus gemeint war: eine klare Abgrenzung zu einer Haltung (und der daraus folgenden Politik), die alles dementiert, wofür ein liberaler Staat stehen muss. Für Meinungsfreiheit beispielsweise.

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