Kommentar Ukraine : Autoritäre Tendenzen in Kiew
Unter dem Deckmantel „Kampf gegen den Separatismus“ werden in der Ukraine systematisch demokratische Rechte abgebaut.
D ie Situation könnte für die Regierung in Kiew prekärer kaum sein. Im Osten der Ukraine wird immer noch gekämpft. Täglich sterben Menschen, werden verletzt oder zu Flüchtlingen gemacht, die alles stehen und liegen lassen, um ihr nacktes Leben zu retten. Jetzt taucht auch noch ein ominöser russischer Hilfskonvoi mit unbekannter Ladung auf, der die Vorhut für eine militärische Intervention in der Ostukraine sein könnte.
Und dennoch: Wie die neuen Machthaber versuchen, auf diese komplizierte Gemengelage zu reagieren, ist gelinde gesagt bodenlos. Einige Gesetze, die am Donnerstag im Parlament in zweiter Lesung verabschiedet wurden, sehen massive Einschränkungen von demokratischen Rechten vor. So können beispielsweise missliebige Parteien und Organisationen aufgelöst werden. Alles natürlich unter dem Deckmantel des „Kampfes gegen den Separatismus“, versteht sich.
Damit ist willkürlichem Vorgehen gegen Andersdenkende Tür und Tor geöffnet. Das erinnert fatal an die gelenkte Demokratie eines Wladimir Putin. Und an die Amtszeit des im Februar geschassten ukrainischen Staatspräsidenten Wiktor Janukowitsch, gegen den die jetzigen Machthaber ja einmal angetreten waren.
Wenn jetzt ukrainische Medien – das können sie immerhin noch – vor der Errichtung einer Diktatur warnen, dann tun sie das zu Recht und sollten ernst genommen werden. Apropos Medien: Nicht zuletzt auf Druck der OSZE wurden die geplanten Repressionsmaßnahmen gegen Presse, Internet und Fernsehen fallen gelassen.
Offensichtlich zeigt Kritik von außen Wirkung. Angesichts dessen ist die vornehme Zurückhaltung der EU gegenüber den jüngsten autoritären Tendenzen absolut unverständlich. Lautet die Devise etwa: Geld hineinpumpen und ansonsten laufen lassen? Das wäre ein Offenbahrungseid!
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert