wortwechsel: Einfache Erklärmuster funktionieren nicht
Ein Rapper ruft auf einer Veranstaltung der Linken „Yalla, Yalla Intifada“. Die Täter-Opfer-Zuweisung funktioniert im Gazakrieg nicht so einfach
Foto: Babk Bordbar/Middle East Images/imago
Irreführende Frage
„Nahostkonflikt und Linke in Berlin: Yallah, Yallah, rote Linien“ taz vom 31. 8. 26
Am Anfang linker Politik steht das Opfer: Menschen, denen Unrecht widerfahren ist, deren Rechte verletzt wurden. Dann schlägt die große Stunde der Linken als selbsternannte „Anwältin der Schwachen“. Davon lebt ihr Ruf, darauf gründet ihr Selbstbild. Das funktioniert, solange Täter und Opfer eindeutig unterscheidbar scheinen: Arbeiter, die von Industriellen ausgebeutet werden, oder Asylsuchende, deren Unterkünfte von Rechtsradikalen angezündet werden. Beim Gazakrieg ist die Lage jedoch komplizierter. 2023 verübte die Hamas ein Massaker in Israel, ermordete rund 1.200 Menschen und verschleppte mehr als 200 Geiseln. Die Reaktion der israelischen Armee (IDF) wiederum hat zehntausende palästinensische Zivilisten das Leben gekostet und im Gazastreifen eine humanitäre Katastrophe ausgelöst. Eine UN-Untersuchungskommission kam 2025 zu dem Schluss, Israel begehe dort einen Genozid. Wer ist hier Opfer, wer Täter? Genau diese Frage führt in die Irre. Das binäre Täter-Opfer-Denken eines Teils der Linken funktioniert in diesem Konflikt nicht. Eine Gruppe kann zugleich Opfer und Täter sein. Gerade deshalb ist der im Artikel geschilderte Auftritt in Neukölln so problematisch. Wer „Yalla, Yalla Intifada“ und „Death to the IDF“ beklatscht, sieht in Palästinensern nur Opfer und in Israelis nur Täter. Diese Dämonisierung Israels kann leicht in Antisemitismus kippen. Kritik an Israels Regierung und Kriegsführung ist legitim. Die Forderung nach dem Tod israelischer Soldaten ist es nicht.
Michael Pfeiffer, Neuhausen auf den Fildern
Hass ist keine Lösung
„Die Linkspartei und die Gewalt: Gehört das Thema Palästina in den Berliner Wahlkampf?“,
taz vom 31. 8. 26
Nee! Heißes Eisen für die Linke. Da liegt für mich persönlich auch das größte Konfliktpotential. Völlig klar, dass Netanjahu rechte Politik macht und dass die Gewalt gegenüber Palästinenser*Innen völlig maßlos ist. Hass mit Hass zu bekämpfen ist allerdings auch keine Lösung.
Leider gibt es auch linken Antisemitismus und da gilt es genau so den Anfängen zu wehren, wie beim Rechtsextremismus. Eine Festlegung auf eine extreme Position wäre ein Stolperstein in künftigen Koalitionsverhandlungen.
Philippo1000 auf taz.de
Distanzierung tut gut
Nein, das Thema gehört nicht in den Berliner Wahlkampf.
Wenn Pauline Jäckels von „irgendeiner Veranstaltung“ spricht, ist das eine Abwertung derjenigen, die sich an diesem Tag dort im Wahlkampf engagiert haben. „Irgendein Rapper mit „verbalradikaler Aussage“ klingt nach unreifer Verharmlosung und Bagatellisierung. „Yalla, Yalla, Intifada“ ist u.a. auch die Kampfansage der terroristischen Hamas.
Frederik Eikmanns argumentiert hier sachlich und realistisch. Der Nahostkonflikt ist Aufgabe der Außenpolitik. Sicherlich muss sich an der eingefahrenen Staatsräson Deutschlands etwas ändern.
Die Berliner Linke tut gut daran, sich von „Yalla, Yalla, Intifada“ zu distanzieren. Es gibt genügend Probleme in Berlin. Die werden sich langfristig nicht mit ständiger Fixierung auf Israel und den Nahostkonflikt lösen.
Kristina Vera auf taz.de
Durchaus ein Thema
Schon bin ich raus. Denn dass in Berlin-Neukölln „ein Konflikt in 3000 Kilometer Entfernung…“ – ähem – „kein gutes Thema ist“ entspricht halt nicht der vorzufindenden Wirklichkeit. Soooorrrry Leute! Die Wirklichkeit ist ein Biest. Da leben viele Leute, für die das ständiges „Thema“ ist. Weil es ihre Verwandten, Freunde, die Menschen ihrer Geschichte und ihres Kulturkreises betrifft.Und deshalb darf ein kaum über die 25 Lebensjahre Rapper auch zum Aufstand, zur Erhebung – also arabisch: Intifada aufrufen. Muss sich in seinem Text, seinem künstlerischen Ausdruck nicht daran orientieren, was die europäischen Bravmittelstandsliberalbürger zusammen mit ihren Regierungen und der Regierung Israels festlegen, was Intifada ist.RenitenterBoomie auf taz.de
Zu starke Frauen
„Keine Heldin, keine Empörung“
taz vom 30. 8. 26
Bei diesem Artikel ist mir Henriette Wunderlich eingefallen, Überlebende eines versuchten Femizids. Die Frage, warum es keine entsprechend lautstarke Empörung über den derzeitigen Prozess in Berlin gibt, ergibt sich für mich auch maßgeblich aus der deutschen Gerichtsbarkeit. Frauen, die einen Anschlag eines Mannes überlebt haben, können oder wollen sich vielleicht gerade nicht als „starke Überlebende und Heldin“ inszenieren, weil ihre Stärke ihnen unter Umständen vor Gericht zum Nachteil gereicht. Henriette Wunderlich hat in einem Zeit-Interview gesagt: „Vor Gericht wurde es meinem Ex-Partner entlastend ausgelegt, dass ich einen so stabilen Eindruck machte und wieder als Lehrerin würde arbeiten können.“ Offenbar spielt es bei der strafrechtlichen Bewertung vor einem deutschen Gericht eine Rolle, wie groß und nachhaltig der Schaden ist, den eine Frau davongetragen hat. Und genau hier liegt für mich der Widerspruch: Eine Frau, die den gesellschaftlichen Vorstellungen von einem „richtigen Opfer“ nicht entspricht – die also nicht dauerhaft sichtbar schwer traumatisiert, arbeitsunfähig oder körperlich gezeichnet ist –, läuft Gefahr, dass ihr Zustand der Genesung gegen sie ausgelegt wird. Und wenn der Schaden vermeintlich nicht groß genug ist, scheint daraus wiederum zu folgen, dass auch der Täter weniger hart bestraft werden muss. Das setzt Frauen in eine absurde Zwickmühle: Sie sollen stark sein, ihr Leben zurückerobern und sich nicht auf ihre Opferrolle reduzieren lassen. Gleichzeitig kann genau diese Stärke dazu führen, dass die Tat weniger schwerwiegend bewertet wird. Genau da sollte der Aufschrei kommen.
Clara Köpfle, Brandenburg
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen