wortwechsel: Ein Heidebad für alle und ein Halle für alle
„Dreister Klickbait“, „unreflektiertes Framing“, „Narrative verstärken“: taz-Leser*innen kritisieren eine Überschrift zu einem Rassismusvorfall in Halle (Saale)
„Rassismus in Deutschland: Baden nur für Deutschländer. Ein Strandbad in Sachsen-Anhalt verweigert Gästen den Zugang, die über zu geringe Deutschkenntnisse verfügen“. taz vom 22. 6. 26
(Die Überschrift der taz lautete ursprünglich „Rassismus in Ostdeutschland“. Nach Protesten der Leser*innen haben wir die Überschrift verändert. Hier einige Beispiele aus der Diskussion.)
Reißerische Aufmachung
Liebes taz-Team, wer anderen Medien reißerische Aufmachung unterstellt, sollte zumindest nicht solchen dreisten Klickbait in der Überschrift präsentieren. Im Beitrag stellt sich dies dann durchaus sachlich dar. Ich finde es eine Zumutung, dergleichen Verhalten auch in der taz lesen zu müssen.
Thomas Scheibler, Mannheim
Antifaschismus unterstützen!
Liebes Team der taz! Ich melde mich aus Halle, wo gerade natürlich das Heidebad mit der rassistischen Entscheidung des Besitzers alle schockt. Der Titel des Artikels ist „Rassismus in Ostdeutschland“. Dieses Framing schockiert uns von der taz, da es unreflektiert ist und wieder eine sehr westdeutsche Perspektive auf „Ostdeutschland“ ist. Eine solche Bezeichnung verschiebt das Problem und unterstützt ein Narrativ, das unsere antifaschistischen Bemühungen hier erschwert.
Durch solche Verallgemeinerungen droht Sachsen-Anhalt abgestempelt zu werden. Doch mit der bevorstehenden Wahl brauchen wir das Gegenteil. Wir brauchen Unterstützung, für einen gemeinsamen Kampf gegen solche wie im Heidebad getroffenen Entscheidungen. Wir brauchen nicht, dass weiterhin eine Grenze gezogen wird zwischen Westen und Osten.
Es gibt überall in Deutschland Rassismus und Faschismus und wir müssen alle zusammen dagegen kämpfen! Bitte überlegt euch gut, ob ihr Narrative verstärken wollt, die Betroffene von Rassismus in Ostdeutschland im Stich lassen. Denn wenn immer Ostdeutschland als eine Hochburg von Rassist*innen gesehen wird, wird es noch weniger attraktiv für Menschen, die was verändern wollen. Kommt nach Halle, es ist schön hier, und es gibt viele Kämpfe, die solidarisch unterstützt werden können. Wir wollen ein Heidebad für alle und ein Halle für alle. Judith Lang, Halle (Saale)
Fünf Bundesländer negativ dargestellt
Sehr geehrte Damen und Herren, mit ihrer Übersicht stellen Sie fünf Bundesländer negativ dar. „Rassismus in Sachsen-Anhalt“ oder „Rassismus in einem Freibad in Halle (Saale)“ hätte vollkommen gereicht. Aber es muss ja sofort wieder allgemein gegen alle ostdeutschen Bundesländer gehetzt werden. Und den beleidigenden Text unter dem Foto hätte die taz sich ebenfalls sparen können. Und Sie wundern sich über den Erfolg der AfD, wenn die Menschen in Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern seit 35 Jahren solch eine Berichterstattung über sich ergehen sich lassen müssen?
Roy Jachnow-Kobin Erfurt
Meinungsfreiheit
„Fahrraddemo gegen Apollo News: Umgezogenes Problem“
taz vom 17. 6. 26
Liebe taz-Redaktion, lese euch gern, auch unterstützend, aber jetzt gibt es einen Punkt, da mache ich mir Sorgen. Es geht um die Meinungsfreiheit und darum, wo unsere Demokratie steht! Wenn man nicht mehr bereit ist, sich selbst in einen diskursiven Austausch zu stellen, Fakten basierend und argumentativ, dann macht mir das Sorgen.
Warum? Weil ich das Gefühl bekomme, nur noch dem Narrativ der eigenen Blase ein Echo zu geben und ohne sich selbst zu stellen. Die Fahrraddemo für morgen gegen Apollo und Nius in Berlin, was soll das? Toll, dass Ihr diese Medien noch bekannter macht und Euch selbst um so lächerlicher. Schade!
Claudia Beiss, Berlin
Klimakrise nicht Klimawandel
„Klimawandel bedroht Deutschlands Stadtbäume“, taz vom 19. 6. 26
Wichtiger, guter Artikel! Immer wieder stolpere ich über die Wortwahl „Klimawandel“. Als wandele sich das Klima von selbst, gar nicht so wild, ist Wandel doch innerstes Gesetz von allem. Ich wünschte mir – gerade von der taz – eine kohärente Benennung wie „Klimakrise“ oder „Klimakatastrophe“. Auch wenn wir diese in Großstädten des globalen Nordens noch verdrängen können, ist sie im Globalen Süden ja schon längst bittere Realität.
Evelyn Schönheit, Hamburg
Politisch fatal
„Neuer Linken-Chef Luigi Pantisano: Irrlichtern im Grundsätzlichen“
taz vom 21. 6. 26
Wer CDU und AfD analytisch „auf derselben Seite der Brandmauer“ verortet, ersetzt Analyse durch moralisches Abkürzen. Ja: Konservative Politik hat soziale Kälte produziert, ja: Teile der CDU haben rechts geblinkt, ja: Migration, Sicherheit und Marktgläubigkeit wurden oft brutal verwaltet. Aber daraus eine funktionale Identität mit einer völkisch-autoritären Partei zu basteln, ist intellektuell bequem – und politisch fatal.
Die AfD ist keine „radikalisierte CDU“, sondern ein Projekt, das Demokratie, Minderheitenschutz und Verfassungsstaat offen infrage stellt. Die CDU tut das nicht, selbst dort nicht, wo sie falsch, herzlos oder neoliberal agiert. Wer diese Grenze verwischt, erklärt jede demokratische Rechte zur Vorstufe des Faschismus – und macht den Begriff wertlos. Am Ende hilft das nur der AfD: Wenn ohnehin „alle gleich“ sind, wozu noch unterscheiden? Polemik ersetzt keine Strategie.
„Zippism“ auf taz.de
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 90 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen