unterm strich: Eine, auf die keiner hörte
Nun also doch: Im Hamburger Stadtteil St. Pauli wird bald ein Platz nach Semra Ertan heißen. Zwar nicht genau an der Stelle, aber auch nicht weit weg von jener Kreuzung, an der die damals 25 Jahre alte Lyrikerin sich 1982 das Leben nahm – indem sie sich selbst verbrannte. Ausdrücklich ein Zeichen gegen Ausgrenzung und grassierende Fremdenfeindlichkeit war das, das hatte die Tochter türkischer „Gastarbeiter“ wiederholt so angekündigt.
Dem spektakulären Suizid war ein Hungerstreik vorausgegangen: „Weil keiner auf mich gehört hat“, hatte Ertan ganz kurz vor ihrem Tod noch dem Norddeutschen Rundfunk gesagt. Und dass sie sich eigentlich schon am Tag dieses Gesprächs habe „umbringen“ wollen „zwischen so vielen Leuten. Dass sie wenigstens ein bisschen überlegen. 1961 habt ihr gesagt, herzlich willkommen, Gastarbeiter! Aber nur für unsere Kraft. Wenn wir alle zurückkehren würden, wer würde die schmutzige Arbeit machen?“
In den Morgenstunden des 26. Mai tat sie es dann tatsächlich: An der Kreuzung Simon-von-Utrecht-Straße/Detlef-Bremer-Straße übergoss sich Ertan mit Benzin, das sie kurz zuvor an einer Tankstelle besorgt und in einen Kanister gefüllt hatte. Nur zufällig bemerkte eine Polizeistreife die brennende Frau und griff ein. Die schwer Verletzte verstarb zwei Tage später im Krankenhaus. Beigesetzt wurde sie am 4. Juli im türkischen Mersin.
Zuerst gewohnt hatte ihre Familie in Kiel, dort entstanden auch Ertans erste Gedichte, noch in den 1970er Jahren. In der Edition Assemblage, Münster, ist ein zweisprachiger Band herausgegeben worden – Titel: „Mein Name ist Ausländer“.
Dass Ertans Suizid Nachahmungstaten inspirieren könnte, war lange ein Argument gegen eine Ehrung dieser Frau. Noch 2024 war das die Begründung, als eine Platzbenennung ihr zu Ehren im Bezirk verhindert wurde. Die Initiative gab sich kämpferisch und kündigte an, weiterzumachen – denn Ertans Selbsttötung sei nur eine Facette, man wolle die ganze komplexe Person gewürdigt sehen.
Das hat nun geklappt. Hamburgs „Senatskommission für die Benennung von Verkehrsflächen“ hat beschlossen, den Platz zwischen Detlev-Bremer-, Clemens-Schultz- und Annenstraße nach ihr zu benennen. Die demnächst Geehrte habe „mit ihren Gedichten und politischen Texten ihre Stimme für all jene erhoben, die in unserer Gesellschaft oft nicht gehört wurden“, erklärte jetzt der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda (SPD). Viele Menschen hätten sich für diese Benennung eingesetzt. Der Platz im Herzen von St. Pauli setze „künftig in Erinnerung an die Schriftstellerin ein wichtiges und dauerhaftes Zeichen gegen Ausländerfeindlichkeit und Diskriminierung“. Alexander Diehl
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