unterm strich:
Teilnehmer wissen davon zu berichten, dass der Protest überwältigend war. Über 1.000 Menschen haben am Dienstagabend gegen die Entlassung Christoph Marthalers, des Direktors am Schauspielhaus, im Züricher Theaterhaus Gessnerallee Stellung bezogen. Noch einmal 1.000 Menschen standen vor der Tür, weil der Raum eigentlich sowieso nur 800 Menschen fasst. In einer Resolution forderten sie alle die Rücknahme der Kündigung. Außerdem solle eine Task Force eingerichtet werden, um das weitere Vorgehen zu klären. Der in Zürich erscheinende Tages-Anzeiger nannte die Aktion gestern „Zürichs Theaterzorn“. Aufgerufen zur „öffentlichen Protestversammlung“ hatten der Schriftsteller Adolf Muschg und der Publizist Roger de Weck. Zielscheibe des Protests war der Verwaltungsrat des Theaters, der am Samstag überraschend den Vertrag mit Marthaler gekündigt hatte. Die Maßnahme war mit zurückgehenden Zuschauerzahlen begründet worden.
Der Autor Muschg forderte, Marthaler müsse die nötige Zeit erhalten, das „Unmögliche möglich zu machen“. Er bezeichnete es als Frechheit, dass der Intendant die nächste Spielzeit praktisch „unter dem Fallbeil“ inszenieren müsse. Marthaler hatte am Dienstag erneut von einem „verfehlten Zeitpunkt“ gesprochen und eine Untersuchung gefordert, um „endlich herauszufinden, wer denn eigentlich in den letzten zwei Jahren Geld verschleudert hat“. Er habe das Vertrauen in den Verwaltungsrat vollständig verloren, sagte Marthaler. Es gebe kein direktes Gespräch mehr, man verkehre nur noch schriftlich. Trotzdem unterstrich der Intendant: „Wir sind gewillt, hier weiterzumachen.“
Seine Mitintendantin, Stephanie Carp, stellte fest, dass die Finanzen nur ein Vorwand für die Entlassung seien. Sie wies auf den „Wirtschaftsklüngel“, dem das politische Theater am Schauspielhaus zu weit gegangen sei. So sei sie als verantwortliche Dramaturgin vom Verwaltungsrat zum Beispiel angehalten worden, die „Hamlet“- Inszenierung von Christoph Schlingensief zu zensieren und Teile davon zu verbieten.
Nach Medienberichten stehen bereits mögliche Nachfolger für Marthaler zur Debatte. Genannt wurden erneut Matthias Hartmann, Intendant am Schauspielhaus in Bochum, und der Intendant des Berliner Ensembles, Claus Peymann.
Bleibt anzumerken, dass es vielleicht das Beste wäre, wenn sowieso ganz Zürich erst einmal in den berühmten Marthaler’schen Theaterschlaf versänke. Dann wachten alle wieder auf und sängen erst mal zusammen. Aber das wird wohl ein Traum bleiben.
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