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taz-lab-Kolumne S(ch)ichtwechsel #7 Reiner Privilegienprotest

Nicht nach unten treten! Unser Autor appelliert an die Klimaschützer:innen, nicht nur im Prenzlauer Berg.

Breitbeinig blockiert ein Polizist die Autobahnzufahrt, während zwei Aktivist:innen Pause machen Foto: Florian Boillot

Von CLEMENS HAUCAP

Der Inbegriff von Gentrifizierung ist in Berlin wohl der Prenzlauer Berg: Wo zu DDR-Zeiten noch das Berliner Arbeitermilieu das Stadtbild prägte, leben heutzutage hauptsächlich mittel- bis oberschichtige, westdeutsche Akademikerfamilien.

Seitdem ich vier bin, lebe ich dort. Hier verbrachte ich meine wohlbehütete und kitschige Kindheit mit Knusperstangen vom Bioladen und selbstgemachter zuckerfreier Limonade zu Kindergeburtstagen.

Klimabewusst leben die Menschen hier schon lange, man kann’s sich ja auch leisten. Dafür kann man sich dann auch mal Thailand im Sommer, die Wintersportwoche im Februar und noch eine Woche Spanien im Herbst gönnen. Man solidarisiert sich schließlich mit „Fridays for Future“ und grün wählt man sowieso.

Konsumkritik von oben

Das möchte ich alles gar nicht kritisieren. Jede und jeder sollte größtenteils selber entscheiden dürfen, wie und was er konsumiert. Wenn Konsumkritik jedoch oft von ebendiesen Menschen kommt, ist das mindestens auffällig.

Vor allem wenn allzu oft von oben nach unten getreten wird. Es fällt nun mal leichter, seine eigenen „Klimasünden“ zu vergessen, wenn Au­to­fah­re­r:in­nen oder Fleisch­esse­r:in­nen vehement kritisiert werden können.

Schuld ist nicht die Handwerkerin auf dem Weg zur Arbeit

Die jüngsten Autobahnblockaden der „Letzten Generation“ zeigen erneut, wie Kli­ma­schüt­ze­r:in­nen nach unten treten, obwohl sich der Protest gegen Verantwortliche „oben“ richtet. Dass Lebensmittel in Massen verschwendet werden, daran sind weder die Krankenschwester auf ihrem Weg zur Arbeit noch der sorgearbeitende Vater, der seine Kinder nun zu spät in der Schule abliefert, schuld.

Die Blockaden machen es Po­li­ti­ke­r:in­nen zu einfach, die Art der Proteste zu kritisieren und dadurch den Fokus vom durchaus sinnvollen Anliegen wegzulenken, während man andere Menschen nur verschreckt.

Die Klimabewegung hat schon viel erreicht, jedoch muss sie langsam weniger arrogant werden. Sie muss versuchen, alle Menschen mitzunehmen. Prenzlberg-Klimaschutz ist out!

An dieser Stelle schreiben unsere Au­to­r*in­nen wöchentlich über Klima und Klasse.