taz-Sommerserie „Sommer vorm Balkon“: Immer am Wasser entlang

Zum Auftakt der Sommerserie geht es an die Spree und zwei recht unterschiedliche Seiten von Berlin entlang. Und mit der Fähre auch mal über den Fluss.

Die kleine Fähre 11 der BVG fährt über die Spree

Die F 11 tuckert zwischen Baumschulenstraße und Wilhelmstrand über die Spree Foto: Kristin Bethge/picture alliance

BERLIN taz | Eine Ausfahrt. Man könnte das auch zu Fuß erledigen, würde sich aber doch etwas hinziehen und zugegebenermaßen an manchen Stellen ein wenig öde werden. Für Fußgänger. Aber mit dem Rad ist man hier gut unterwegs. Man könnte die gesamte Strecke sogar in einer Stunde abstrampeln. Doch darum geht es ja nicht, wenn man die Stadt wirklich erfahren will. Da geht es ums Schauen und nicht darum, ob man die nächste Ampel noch vor dem drohenden Rot schafft.

So viele Ampeln muss man dabei gar nicht passieren auf der ersten Wegstrecke. Man kann sich stattdessen sogar eine richtig grüne Welle einrichten bei diesem Ausflug, bei dem es zwischendurch auch mal kurz übers Wasser gehen soll. Bootfahren also. Was sich in Berlin elegant mit dem öffentlichen Nahverkehr erledigen lässt.

Eine Handvoll im Auftrag der BVG betriebener Fährlinien führen über Wasser. Leidenschaftliche Schiffsverkehrsliebhaber wählen die F 10 über den Großen Wannsee, die mit viereinhalb Kilometern längste Fährstrecke.

Zum Schnuppern aber empfiehlt sich die F 11 zwischen Baumschulenstraße und Wilhelmstrand über die Spree. Das ist die älteste Fährlinie der Stadt – seit 1896 im regulären Betrieb. Nur „bei Sturm, Nebel oder starker Eisbildung kann der Verkehr eingestellt oder der Fahrplan nicht eingehalten werden“, steht auf dem Schild, wo auch die Fahrtzeiten angegeben sind. Ansonsten fährt man mindestens alle 20 Minuten bis 19 Uhr. Fahrzeit ungefähr zwei Minuten. Es reicht also das Kurzstreckenticket.

Zeit vertrödeln im Grünen

Um erst mal von Kreuzberg aus zur Ablegestelle zu kommen, nimmt man am besten die besagte grüne Welle mit dem Wald und den Wiesen. Eine Reihe an Parks, mit denen hier die Stadt bestens durchflutet ist: Vom Görlitzer Park geht es in den Schlesischen Busch, dann durch den Treptower Park zum Plänterwald. Ein Parkhopping hin zur Spree.

Berlin ist großartig – auch und gerade im Sommer. Als Berlin-Redaktion wissen wir das natürlich. Und weil Zu-Hause-Bleiben in Coronazeiten ohnehin angesagt ist, machen wir da doch gerne mal mit. Denn abseits der ausgetrampelten Touristenpfade – und abseits der Pfade, die man selbst im Alltag geht – gibt es in dieser Stadt immer noch genug zu entdecken, dass selbst Ureinwohner beeindruckt sind. Hoffen wir zumindest.

In loser Folge begeben wir uns in den nächsten Wochen auf Erkundungen, Stippvisiten und Spaziergänge. Nächste Folge: Wo Berlin am queersten ist. (akl)

Wen es gar nicht so zügig zum Wasser und der Fähre drängt, hat genug zum Gucken hier und da. Die Zeit vertrödeln im Grünen – und beim Studium all der verschlossenen Türen und Absichtserklärungen, denen man hier auf dem Weg entlang der Spree begegnet.

Den klitzekleinen Abstecher immer wert ist das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park, dessen imposanter Stalinismus auch von den derzeitigen Bauarbeiten dort kaum getrübt werden kann (Eingang bis voraussichtlich Mai 2021 nur über die Puschkinallee). Gegenüber mag man kurz im Rosengarten verweilen mit dem Blick auf den Springbrunnen dort.

Nichts zu holen ist dagegen beim Haus Zenner. Das Ausflugslokal direkt an der Spree mit seiner jahrhundertealten Vorgeschichte hat seit Ende vergangenen Jahres geschlossen. Wenige Meter weiter verheißt ein großes Schild „berlinbaut für die wachsende Stadt“. Es geht um die „Herrichtung und Entwicklung des Spreeparks“. Wann das allerdings passiert sein soll, erfährt man nicht. Die Angabe eines Datums verkneift man sich auf dem Schild.

Ein eher kurzes Vergnügen

Ein solider Zaun sperrt das Gelände im Plänterwald ab, wo sich früher mal die DDR vergnügte. Aber längst haben sich dort die Dinos schlafen gelegt, das Riesenrad ruht. „Ein Dreiklang aus Kunst, Kultur und Natur“, heißt es, soll der neue Spreepark werden. Durch die eher verwunschene Gegenwart dort kann man sich an den Wochenenden führen lassen (Information: www.gruen-berlin.de/spreepark).

Die Fahrt mit der Fähre über die Spree rüber nach Oberschöneweide ist dann das eher kurze Vergnügen. Zwei Minuten, in denen man sich durchaus überlegen könnte, ob man nicht gleich weiterfahren will nach St. Petersburg auf dem Europaradweg R1, der über die Fähre führt. Aber das würde erstens gegen die Intention dieser Serie sprechen, die ja BerlinerInnen Berlin auch mal abseits von Balkonien als prima Urlaubsalternative nahebringen will. Und zweitens ist Russland visumpflichtig.

Wer übrigens aus irgendwelchen Gründen eine Fährenphobie haben sollte, muss auf diese Ausfahrt keineswegs verzichten, sondern nimmt einfach etwas weiter im Weg die Minna-Todenhagen-Brücke über die Spree. Mit deren Einweihung Ende 2017 sollte der Fährbetrieb eigentlich auch eingestellt werden, Nutzerproteste konnten das verhindern.

Zwei junge Leute sitzen auf Steinen und schauen auf das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park

Liegt auf dem Weg zur Fähre F11: das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park Foto: Jürgen Ritter/imago

Auf der anderen Seite ist es dann erst mal vorbei mit dem in Parks verstauten Grün. Da wird die Medaille umgedreht, da scheint nicht viel Sehenswertes zu winken. Nichts Beschauliches jedenfalls für den Ausflüglerblick, weil sich die Stadt hier einfach mal alle Anmut verkneift und stattdessen schlicht aufzählt, was so zu einer Stadt dazugehört. Dabei kümmert sie sich nicht groß um eine besondere Ordnung, was der kruden Gemengelage auf dieser Spreeseite mit Kleingartensiedlung, Industriebauten, Brachen und den riesenhaften Anlagen des Heizkraftwerks Klingenberg (das aber mit toller Zwanziger-Jahre-Architektur) einen rauen Charme verleiht.

Zum Ende hin ein Schaustück

Nichts Pittoreskes, sondern vorstädtische Notwendigkeiten, notdürftig festgezurrt an der Rummelsburger Landstraße und Köpenicker Chaussee. Aber es muss doch nicht immer alles nur schön sein. Ein erster Supermarkt zeigt an, dass hier doch auch gewohnt wird, und etwas weiter Richtung Innenstadt ist man schon hinterm Ostkreuz, wo man fahrradfahrend hautnah erlebt, wie so eine mächtige Infrastrukturmaßnahme den Stadtraum einigermaßen unhübsch filetiert.

Ein Nichtort, an dem man gar nicht verweilen will. In dessen Halbschatten aber sind gleich hinter dem Zaun wieder so Idyllen zu entdecken wie der verwilderte Garten vom About Blank, wo mit Clubbing allerdings gerade noch nichts geht. Und eine Straße weiter um die Ecke in dieser Gegend mit dem Industriegebietscharme findet sich Zukunft, das Programmkino am Ostkreuz.

Die F 11 ist die älteste Fährlinie der Stadt – seit 1896 im Betrieb

Hin zur Spree geht es wieder und darüber schließlich über die Oberbaumbrücke, eines der hübschesten Beispiele unter den vielen Brücken Berlins. Noch mal zum Ende hin ein Schaustück auf dieser Ausfahrt, bei der es ziemlich viele Seiten von der Stadt zu erfahren gibt.

Zurück geht es nach Kreuzberg, wo dann Berlin mit den Spätis, der Pizza auf die Hand und den Fahrradläden wieder ganz das vertraute kleinkiezige großstädtische Berlin ist.

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