taz-Serie "Kinder auf der Flucht" (V): Wir leben vom Weben

Neun Millionen Kinder sind weltweit auf der Flucht - neun Millionen Gesichter und Geschichten. Wir erzählen fünf davon. Auch die von Mugi Songi in Thailand.

Nach der Schule webt sie Tücher für die Touristen - am liebsten in verrückten Farben. Bild: ton koene

Ich heiße Mugi Songi und bin zehn Jahre alt. Ich wohne in Nai Soi, einem Dorf in Thailand. Die goldenen Ringe trage ich um meinen Nals, weil ich zum Langhals-Stamm gehöre. Sie wiegen ein Kilo, die von meiner Mutter vier. Es tut überhaupt nicht weh. Mein Vater hat mir erzählt, dass es Menschen gibt, die mich bedauern, aber das verstehe ich nicht. Wenn ich älter bin, möchte ich die meisten Ringe im ganzen Dorf haben.

Jeden Tag kommen Touristen in mein Dorf, sie machen Fotos von mir und meinen Freundinnen. Später möchte ich Fotografin werden, dann mache ich Bilder von den Touristen. Ich finde, dass sie sehr lustig aussehen. Sie haben alle ganz weiße Köpfe.

Die Eltern von Mugi sind aus Birma geflüchtet. Dort herrscht seit 60 Jahren Bürgerkrieg. Birma ist reich an Edelsteinen, tropischem Hartholz, Öl und Gas. Das Militärregime beansprucht jedoch alle Exporteinnahmen, die Bevölkerung ist bitterarm. Zwei große Volksaufstände, 1988 und 2007, wurden blutig niedergeschlagen. In Thailand leben momentan etwa 130.000 Flüchtlinge aus Birma. Dies ist der 5. und letzte Teil der taz-Serie "Kinder auf der Flucht". Seit Ende Oktober haben Fotograf Ton Koene und Autorin Natalie Righton aus Nepal, dem Tschad, Jordanien und Kolumbien berichtet.

Ich weiß noch nicht viel über die Welt, aber ich glaube, dass ich am schönsten Ort der Erde wohne. Nai Soi liegt im Dschungel, die Bäume hier haben riesige Blätter, man kann bequem unter ihnen stehen, wenn es regnet. Ich wohne mit meinen Eltern und Brüdern in einem Bambushaus auf Stelzen. Mein Vater hat es selbst gebaut. Manchmal reite ich mit Papa auf einem Elefanten. Natürlich nicht oft, weil es sehr teuer ist, einen Elefanten zu mieten. Aber er macht das gern. Er sagt, dass es ihn an Birma erinnert, das Land, wo er herkommt.

Dort hat er mit Elefanten Bäume umgelegt und aus dem Wald transportiert. Nun machen wir das mit der Hand. Das ist nicht schlimm, davon wird man stark, sagt Papa. Aber er sieht immer ein bisschen traurig aus, wenn er von den Elefanten von damals spricht. Ich glaube, er vermisst sie sehr.

Die zehnjährige Mugi Songi gehört dem Langhals-Stamm an. Später möchte sie mal die meisten Ringe im Dorf haben. Bild: ton koene

Fünf Tage pro Woche gehe ich in die Schule. Die Schule ist 128 Schritte von meinem Haus entfernt, also ganz nah. Wir lernen dort vor allem Sprachen. Ich lerne vier: Englisch, Thai, Birmesisch und meine eigene Sprache, Kayan. In Englisch bin ich die Beste, ich bekomme nur Neunen und Zehnen.

Wenn die Schule vorbei ist, gehe ich mit meiner besten Freundin Moe-Chi zu den Souvenirgeschäften unserer Mütter. Wir helfen mit, Dinge zu verkaufen. Die Touristen kaufen vor allem viele Tücher. Moe-Chi und ich können schon sehr schöne Schals auf dem Webstuhl machen. Wir nehmen am liebsten verrückte Farben - Minzgrün oder knalliges Lila.

Manchmal gehe ich nach der Schule nicht zu meiner Mutter, sondern zu meinem Vater, um ihm zu helfen. Wie alle Männer in meinem Dorf ist er zu Hause, er kümmert sich um die Kinder und macht das Essen. Manchmal helfe ich ihm, Gemüse zu schälen. Oder ich mache das Feuer an. Wir kochen oft draußen, auf dem Boden vor unserem Haus.

Abends, wenn ich Mutter und Vater geholfen habe und alle Touristen weg sind, gehe ich mit meinen Freundinnen Volleyball spielen oder zum Aerobic. Wir machen das auf dem Dorfplatz. Alle Kinder treiben dort jeden Abend Sport. Sport ist sehr gesund, sagt unser Stammesältester. Manchmal organisiert er einen Wettstreit mit Kindern aus dem Nachbardorf. Wir haben noch nie gewonnen. Aber wir versuchen es weiter. Wenn man etwas erreichen will, muss man ganz oft üben.

Falls unser Haus abbrennen und ich nur eine Sache retten dürfte, dann wäre es meine Decke. Nachts wird es nämlich sehr kalt in meinem Dorf. Ich denke, dass die Temperatur bis auf 15 Grad absackt. Diese Kälte überlebt natürlich niemand ohne Decken! Tagsüber sind es 30 Grad in Thailand. Die Decke, die ich gerade um habe, hat meine Mutter gemacht. Sie lehrt mich auch Weben. Die Decken verkauft sie in ihrem Souvenirgeschäft an Touristen. Sie erzählt ihnen, dass das traditionelle Schals aus Birma sind.

Übersetzung: UH

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