taz Klimaschwerpunkt zur Bundestagswahl: Klima ist nicht alles …

… aber ohne Klimapolitik ist alles nichts. Als taz rücken wir die Klimakrise dort hin, wo sie hingehört: in die Mitte der politischen Öffentlichkeit.

Foto: Jens Büttner / dpa

Von BARBARA JUNGE

Alles schon gehört? Ein Teil des grönländischen Eisschilds ist instabil geworden, Zombie-Feuer unter den winterlichen Schneedecken Sibiriens nehmen zu, für teuer verkäufliches Tierfutter legalisiert Brasilien illegale Rodungen im Regenwald, und im Jahr 2019 wurden 130 Millionen Tonnen Müll aus Einwegplastik produziert.

Die Meldungen sind fast schon beliebig, sie alle stammen aus den vergangenen zehn Tagen. An dystopischen Nachrichten mangelt es nicht. Immerhin, positive Meldungen gibt es mittlerweile auch, obwohl ihre Anzahl überschaubar ausfällt.

Der designierte Vorsitzende der nächsten UN-Klimakonferenz hat sich vorgenommen, dort das Kapitel Kohle abzuschließen. Und als das Bundesverfassungsgericht der Bundesregierung auftrug, Klimaneutralität früher herzustellen, folgte dem Urteil aus Karlsruhe ein Gesetz – schneller, als man das Wort „Erderhitzung“ buchstabieren konnte.

Die taz-Berichterstattug zum Thema Klimawandel finden Sie in unserem Schwerpunkt.

Die Klimakrise ist offenbar. Selbst die großen politischen Akteur.innen haben das inzwischen verstanden. Aber erwächst daraus auch eine nachhaltige Politik? Oder werden die vorhersehbaren Ablenkungsmanöver der Verharmloser.innen-Fraktion Wirkung entfalten?

Denn das Thema wirft viele schmerzhafte Fragen auf. Wie jeder gesellschaftliche Umbruch produziert es Verlierer.innen – all jene, die gut davon gelebt haben, auf den Klimawandel keine Rücksicht nehmen zu müssen; oder all jene, die aufgrund ihrer sozialen Situation kaum eine Alternative haben. Daraus entsteht eine Herausforderung. Wir nehmen sie an.

In die Mitte der politischen Debatten

Gesellschaftlicher Wandel entsteht in der Auseinandersetzung. Das Jahr 2021 bietet dazu eine einzigartige Chance. Ein Weiter-so kann es nicht geben, in doppeltem Sinn.

Angela Merkel, die Amtsinhaberin, tritt nicht mehr fürs Kanzler.innenamt an. Und zugleich muss sich jede.r, die oder der auf sie folgt, mit der Erderhitzung ganz anders befassen, als alle bisherigen Regierungen es getan haben.

Die künftige Politik muss anders sein, in jedem Ressort und in jedem Bereich. Wie sieht eine moderne, nachhaltige, zeitgemäße Wirtschafts-, Innen- und Sozialpolitik aus? Wie die Justizpolitik und die Diplomatie? Und was heißt das für Entwicklungshilfe und Gesundheitspolitik? Wie sieht der Weg zu Klimagerechtigkeit aus?

Intersektionales Begreifen der Klimakrise

Wir wollen diesen Diskurs dorthin lenken und dort führen, wo er hingehört: in die Mitte der politischen Debatten. Insbesondere in diesem Wahljahr. Die Klimakrise ist nicht das einzige Thema, das dieses Wahljahr prägen wird.

Die Gesellschaft hat mit der Pandemie und den sozialen und politischen Folgen zu kämpfen. Kaum etwas war falscher als der Satz, vor der Pandemie seien alle gleich. Im nationalen Rahmen und erst recht im internationalen Kontext liest sich diese Annahme heute wie Hohn.

Schlüsselmotiv der taz-(Klima-)berichterstattung zur Bundestagswahl 2021

Die Pandemie hat soziale Spaltungen nicht nur sichtbar gemacht, sondern vertieft. Das muss und wird ein großes Thema über den 26. September hinaus sein. Klassenfragen werden, zu Recht, neu gestellt.

Labor für Klimajournalismus

Nachhaltige Klimapolitik ist verknüpft mit sozialen Fragen, mit gesellschaftlichen Machtfragen, mit der Verteilung von Reichtum und Ressourcen. Dieses intersektionale Begreifen der Klimakrise und die internationale Dimension gehören zur Debatte.

Die ökologische Frage war für die taz schon immer wichtig, sie ist Teil unserer DNA. Aber mit der Zuspitzung der Klimakrise hat sich auch für uns etwas verändert. Wir haben unsere publizistischen Anstrengungen noch verstärkt und 2019 ein Klimahub als Labor für Klimajournalismus auf neuen digitalen Kanälen (Link zu Instagram) gegründet.

Klimahub und das Ressort Ökologie und Wirtschaft haben die Klimaberichterstattung mit regelmäßigen Formaten ausgebaut. Wir haben eine Ausgabe der taz in die Hände von Aktivist.innen gelegt – uns zugleich an ihren Forderungen gerieben und uns mit ihnen auseinandergesetzt.

Perspektiven zusammenbringen

Um die Zentren unserer Klimaberichterstattung herum ist ein Netz von tazler.innen aus Redaktion, Verlag und taz Panter Stiftung entstanden.

Andere sind unserem Beispiel gefolgt. Diverse Medien wie der Spiegel, die Süddeutsche oder auch RTL haben nachgezogen und eigene Formate entwickelt. Die Klimakrise ist kein Nischenthema mehr. Bei allen Medien werden Sicht und Zugänge nicht mehr vom eigenen Milieu bestimmt. Uns freut das. Wie so oft hat die taz etwas begonnen, dem andere Redaktionen gefolgt sind.

Mit unserer Klimaoffensive von 2019 haben wir Ressourcen geschaffen und unsere Community erheblich vergrößert. Aber das reicht nicht. Um das Thema im Wahljahr in die Mitte der politischen Öffentlichkeit zu holen, müssen wir mehr tun. Auf allen taz-Kanälen, in der Zeitung, im Netz, auf Social-Media-Kanälen wie Instagram soll es um die kommenden Weichenstellungen und Verteilungsfragen gehen.

1,5-Grad-Check bei allen Parteien

Aber wir wollen auch Utopien vorstellen, Projekte beschreiben, wie der nachhaltige, gerechte Umbau auf allen Ebenen aussehen kann, mit Aktivist.innen sprechen, Betroffene sehen, Perspektiven zusammenbringen.

Unsere Klimaexpert.innen bekommen Unterstützung durch ein Rechercheteam sowie durch datenjournalistische Projekte. Die taz sagt 1,5 Grad, mehr nicht – jede Partei wollen wir dem 1,5-Grad-Check unterziehen. Denn Klima ist nicht alles, aber ohne Klimapolitik ist all das nichts.

Barbara Junge ist taz-Chefredakteurin und Initiatorin der taz-Klima-Offensive und des taz Klimahubs.