taz🐾lage: Ägyptisches Vitamin B und kolonialistische Komplimente
Gerade bin ich mit einem Recherchestipendium in Kairo. Als ich Ende November hier ankam, war das Erste, was ich tat, Presseanfragen zu schreiben. Per Mail. Wenn ich heute daran denke, muss ich lachen. Presseanfragen werden in Ägypten nicht per Mail und mit freundlichen Grüßen geschrieben, Leute werden über Whatsapp oder Telefon kontaktiert, vielleicht via Tiktok oder LinkedIn, aber doch nicht per Mail. Wie in anderen Lebensbereichen braucht man auch hier wastah, Vitamin B. Damit bin ich durch meine Kolleg_innen bei Al Ahram (der ältesten ägyptischen Zeitung) und dem Netzwerk vom Stipendium gut ausgestattet, aber das macht natürlich die Sprachbarriere auch nicht wett. Mein Arabisch reicht vielleicht für den Markt, aber nicht für Interviews. Falls ich dann doch mal Menschen finde, die verstehen, dass ich sie treffen will, begrüßen viele mich ähnlich: „You look beautiful.“ Das wollte ich als Journalistin natürlich nicht hören. Einatmen, ausatmen. Viel mehr als die Feministin in mir trifft der Satz das Arbeiter_innenkind. Habe ich zwei Master studiert, um in meinem Job hübsch genannt zu werden? Aber ich verstehe auch, dass weiße Normschönheit (helle Haare, helle Haut) ein kolonialistisches Konstrukt ist, das in diesen Momenten quasi backfired. Allein: die Theorie hilft mir in der konkreten Situation nicht. Ich bedanke mich also brav, lächle und mache ein oberflächliches Kompliment zurück: Schöner Schal, tolle Kette, was auch immer, bloß keine Körper kommentieren. Die Gespräche danach zeigen: Den eigenen Stolz in diesen Momenten zurückzustecken, lohnt sich. Ich bleibe also noch ein bisschen in Kairo, es gibt noch viel zu berichten. Nicole Opitz
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