talkshow: Das Leben ist hart, bei Hitze eins der härtesten
Hitze hat zahlreiche negative Auswirkungen auf unsere Psyche und unseren Umgang miteinander. Ein paar Fakten – und was schnelle Abhilfe schafft
Foto: Alice Sacco/reuters
Von Eva Fischer
Unser Gehirn ist wahrlich kein fröhliches Organ. Sondern vielmehr chronisch schlecht gelaunt. Psycholog:innen bezeichnen das als Negativ-Zoom. Wir neigen dazu, verstärkt das Negative in unserem Leben zu sehen und Positives als selbstverständlich zu betrachten und auszublenden. Begründet wird das mit der Evolution. Die Steinzeitmenschen mussten immer auf der Hut sein, Gefahren weit vorab erkennen – und in unserer heutigen Zeit ist diese Fähigkeit natürlich auch nach wie vor nützlich.
Aber: Hat sich erstmal ein negativer Gedanke in uns eingenistet, stupst er all seine negativ eingestellten Freunde an, die zusätzlich ihren Senf dazu geben. Unser Gehirn ist nämlich auch ein fauler Hund. Es greift sich immer zuerst die Informationen, die es am schnellsten findet, deswegen verknüpfen sich negative Emotionen schnell mit anderen negativen. Nach positiveren Ansätzen müsste unser Kopf etwas weiter abseits suchen, das ist anstrengender, also macht er das nur, wenn wir es ihm befehlen oder ihn diesbezüglich trainieren.
In der Praxis könnten die Gedanken folgendermaßen aussehen: Ich habe eine schöne Wohnung in Berlin, die gerade noch bezahlbar ist, sie ist hell und ruhig, ich schaue aufs Grüne und kann jeden Tag im Schlosspark spazieren gehen.
Stattdessen denkt man aber: Mein Arbeitsweg ist so lang, ich hätte lieber noch ein Zimmer mehr, dann könnte ich auch richtig durchlüften, aber in Berlin kann man ja keine andere Wohnung finden, die Politik hat es so versemmelt, weil sie immer das Kapitalinteresse schützt, deswegen haben wir jetzt den Salat mit dem Klimawandel, den schlimmen Waldbränden und dieser Hitze, dann noch überall Kriege und Krisen, Arbeitsmarkt, Gesundheitssystem, Rente, alles im Arsch, nichts funktioniert, alles wird nur immer noch schlimmer, die AfD regiert vielleicht bald allein in Sachsen-Anhalt, was ist das nur für eine Welt? Das Leben darin – es ist so hart.
Und ja, Hitze macht es leider härter. Temperaturen jenseits der 30 Grad versetzen unseren Körper und unsere Psyche unter Stress. Die Konzentration lässt nach, der Schlaf wird schlechter, das sorgt für weniger Konzentration und mehr Gereiztheit. Impulskontrolle und Empathievermögen lassen nach. Alle sind schlechter gelaunt, das trübt die Stimmung zusätzlich. Kurzum könnte man sagen: Wir hassen alle alles und ziehen uns gegenseitig weiter runter. Das sorgt auch für eine steigende Aggressivität. Studien zeigen, dass es an Hitzetagen neben Verkehrsunfällen auch häufiger zu Gewalttaten kommt.
Besonders belastend ist Hitze für Menschen, die ohnehin schon mit psychischen und neurologischen Erkrankungen zu kämpfen haben, wie Depressionen, bipolare Störungen, Schizophrenie oder Demenz. Eine Nebenwirkung von vielen Psychopharmaka ist, dass der Körper sich schlechter hohen Temperaturen anpassen kann. Manche Antidepressiva können das Schwitzen, also das Kühlen des Körpers, vermindern. Außerdem sollten viele Medikamente nicht länger bei Temperaturen über 25 Grad gelagert werden, da chemische Reaktionen schneller ablaufen und sich Wirkstoffe zersetzen können.
Aber natürlich haben negative Emotionen auch ihren Zweck: Sie zeigen uns, dass etwas nicht stimmt und wir handeln müssen. Möchte man dennoch sein Miesepeter-Gehirn überlisten, empfehlen Psycholog:innen einen simplen Trick. Und zwar den Fokus umzulenken, zum Beispiel durch das Schreiben von Dankbarkeitstagebüchern. Jeden Abend, oder wenn man gerade akut alles scheiße findet, setzt man sich hin und schreibt auf, was am eigenen Leben doch so alles gut ist. Wenn man einmal damit anfängt, sieht man schnell, das wir uns trotz allem in paradiesischen Zuständen befinden. Zudem trainiert man so das Gehirn, schneller auf positive Gedanken zugreifen zu können.
Wer kann, sollte sich dieser Tage ein schattiges Plätzchen unter einem Baum oder in Wassernähe suchen (beides hat auch eine stressmindernde Wirkung auf uns; ich kann da einen gewissen Schlossgarten empfehlen), ein schönes Notizbuch zücken – und aufschreiben, wofür man alles dankbar ist. Zwecks Inspiration ein paar Beispiele:
Ich habe ein Dach über dem Kopf. Strom, Wasser, Gas zum Kochen, alles da. Ich habe zu essen und das Essen ist lecker. Ich habe genug Geld, bekomme regelmäßig welches aufs Konto überwiesen. Ich habe einen Job, das Arbeitsamt lässt mich in Ruhe. Ich habe Freunde, Familie, eine gute Partnerschaft. Bis auf eine Ausnahme sind alle meine Liebsten am Leben. Ich bin gesund und habe keine starken Schmerzen. Ich kann mich bewegen. Ich kann sehen und hören. Ich lebe in einem Land, in dem kein Krieg herrscht. Ich wohne in Berlin. Die Sonne scheint. Ich trinke Kaffee. Das Leben ist schön. Danke, dass ich es habe.
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