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szene

VonIsobel Markus

Es hat über Nacht geschneit, und als ich morgens den Vorhang zurückziehe, befürchte ich sofort, dass die S-Bahn nicht fahren wird. Aber sie fährt, ich bekomme sogar einen Platz und sehe aus dem Fenster auf die dünne Schneeschicht, die gleich alles schön und besonders macht. Ein bisschen wie das Topping auf einem Möhrenkuchen.

Zwei Jungs mit viel zu großen Schulranzen und Mützen setzen sich mit beeindruckenden Schneebällen gegenüber. Beide lächeln und halten ihre Kugeln mit roten Händen. Nachdem sie die Größen verglichen haben, folgt der Feinschliff. Beide reiben mit den Fingern immer wieder über das Eis. „Aua“, sagt der mit der grünen Pudelmütze. „Meine Hände sind so kalt.“

Der mit der blauen Mütze legt die Kugel in seine Armbeuge und hält sie mit dem Kinn fest. „So geht’s auch.“ Die grüne Pudelmütze will es ihm nachtun, dabei rutscht die Kugel aber aus seinem Arm und fällt herunter. Er bückt sich, die Kugel ist aber unter einen Sitz etwas weiter weg gerollt. Er guckt zu seinem Freund rüber, der grad am Eis lutscht und saugt.

Sagt die grüne Pudelmütze: „Meine Mutter hat gesagt, dass man Schnee nicht in den Mund nehmen soll. Vor allem nicht, wenn er bunt ist.“

Der andere hält inne mit vom Schnee glänzenden Lippen: „Wieso bunt?“

„Na“, erklärt der andere fachmännisch, „gelb, wenn da einer reingepinkelt hat. Oder braun, wenn …“

„Iiih!“, unterbricht der Erste total laut.

„Und grün, wenn einer Schleimi hat fallen lassen“, überlegt der mit der blauen Mütze. Sie kichern.

Beide gucken auf die Schneekugel, bis die Pudelmütze plötzlich „Wir müssen raus!“ ruft und die Kugel zu Boden fällt und zerschellt. Die Jungs rennen aus der Bahn. Auf meiner restlichen Fahrt sehe ich dem Schnee drinnen und draußen beim Schmelzen zu. Etwas später ist die Stadt dann wieder bloß wie Möhrenkuchen ohne Topping. Isobel Markus

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