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szene

Von Isobel Markus

In der Berliner S-Bahn sitzt mir eine Person gegenüber, die ein rosa Kaninchen aus einem Zylinder zaubert. Ich setze meine Brille auf und sehe, es ist eine Frau, die einen quietschrosa Pullover aus einer schwarzen Tasche herausstrickt. Die Nadeln sind so lang, dass sie die Frau neben sich fast aufspießt.

„Vorsicht“, sagt diese nun auch. „Jaja“, brummelt die Frau missmutig. Sie sieht schlecht gelaunt aus, ihre kurzen Locken stehen ihr irgendwie ungeduldig vom Kopf. „Ick pass schon auf.“ Sie betont dabei das Ick so, als wären alle anderen eben die, die nicht aufpassen. „Aber die da“, sagt sie, „da passt keener auf, und wenn dit Kind dann innen Brunnen gefallen ist, machen se och nix.“

Die Frau neben ihr setzt sich mit knisterndem Daunenmantel zurecht. „Da laden se quasi alle ein: Hier sind se, die Stromleitungen, kieka, und dann wundern se sich.“ „Ach, Sie meinen den Stromausfall“, merkt die Frau neben ihr nun schon interessierter. „Sind Sie auch betroffen?“

Die Zauberin nickt. „Ick bin so sauer. Sitze inner S-Bahn bis Frohnau, weil es zuhause noch nicht mal mit drei Decken übereinander klappt. Die wollten den Reichen den Saft abdrehen. Aber auch in Zehlendorf gibt es Leute, die den Euro zweimal umdrehen müssen, glauben Se mir mal.“ Sie ist empört.

Die andere seufzt: „Das ist auch gemein. Meine Bekannten sind in ein Hotel gezogen. 60 Euro die Nacht, ein Angebot.“ „Geschieht euch recht, sagen die, das muss man sich mal vorstellen. Was hab ick denen getan? Primitiv und dumm sind die.“

„Wer weiß schon, wer das war“, sagt die andere Frau und sieht auf den Bahnhof Yorckstraße. „Möchten Sie einen heißen Kaffee? Da am Stand?“ „Och“, sagt die Zauberin. „Den nehm ick.“ Als die beiden ausgestiegen sind, lächeln ein Mann und ich so vor uns hin, als hätte jemand ein Kaninchen aus einem Zylinder gezaubert.Isobel Markus

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