szene:
VonChristian Lange-Hausstein
Nur noch fünfzehn Minuten bis zum Elternabend. Rauf aufs Fahrrad, los. Beim Friedhof an der Bernauer hämmert das Berliner Kopfsteinpflaster in meine Handgelenke. Ab auf den Bürgersteig, an der Friedhofsmauer entlang bis zur Ecke, kurz davor bremsen, man weiß ja nie, dann der Schreck: „Momentchen mal bitte.“
Neongelbe Kunstfaser: eine Fahrradpolizistin. „Versteht er mich?“ Ich nicke. „Auf dem Gehweg fahren ist verboten.“ Es fällt mir schwer, aber ich sage: „Entschuldigen Sie.“ Und: „Gleich ist Elternabend.“ „Das macht 50 Euro.“ Ich sage, „Kommt nicht mehr vor.“ Wann sagt sie so was wie „Bei einer Verwarnung belassen“?
„Apple Pay, Google Pay oder bar?“ Sie zieht ein Bezahlterminal aus dem Halfter und sagt: „Das ist ein Gefahrenschwerpunkt.“ „Aber wir stehen an einer Friedhofsmauer!“ „Es geht um Beinaheunfälle, wenn die Anwohner aus ihren Haustüren kommen.“ Ich hebe die Arme: „Wer hier rauskommt, hat ganz andere Probleme, als dass ich ihn überfahre!“ Aber sie lacht nicht. „Wenn er nicht zahlen kann, dann den Ausweis bitte.“
All diese libertären Theorien, die den dysfunktionalen Staat abschaffen wollen und seit ein paar Wochen in den Feed meiner ARD-Audiothek-App sliden, kommen plötzlich hoch. Die dunkle Aufklärung. Aber: Fahrradpolizei. Ernsthaft? Ulf-Poschardt‘esk geht alles in mir durcheinander. Weil ihr Fahrradfahrer vor Friedhofsmauern behelligt, kaufen eure Chefs Überwachungssoftware bei Peter Thiel! Ruhig bleiben. Ich lächele roboterhaft: „Google Pay!“
Mit nur minimaler Verspätung komme ich zum Elternabend. Einige Eltern heben gerade den Arm. Die Mutter neben mir flüstert: Der Präventionstermin „Nicht mit Fremden mitgehen“ sei abgesagt. Der zuständige Polizeiabschnitt habe derzeit keine Kapazitäten. Ein privates Angebot koste 270 Euro. Wir stimmen gerade darüber ab. Christian Lange-Hausstein
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