szene: Kältetränen sehen nach Drama aus
Wenn ich in den kalten Monaten draußen bin, tränen mir ständig die Augen – so wie früher meinem Großvater. Er trug immer ein Stofftaschentuch in der Hosentasche, mit dessen Ecken er sich die Tränen abwischte: im besten Fall, wenn sie noch unauffällig waren und die Tränenpunkte die Augen noch nicht verlassen hatten, im schlimmsten, wenn sie kurz davor waren, auf seinen Wangen zu trocknen.
Seit Kurzem besitze ich auch ein Stofftaschentuch, das mir eine gute Freundin geschenkt hat. Als sie es mir übergab, erinnerten wir uns daran, dass es früher oft eine „männliche“ Version der Taschentücher gab – etwa größer, mit kariertem Muster – und eine „weibliche“, zum Beispiel mit Spitze oder gestickten Blumen und kleiner. Ich erzählte ihr von meinem Opa und sagte ihr: „Ab jetzt werde ich im Winter umso mehr an ihn denken.“
Oft vergesse ich, dass meine Augen tränen. Und dann frage ich mich, warum mich fremde Menschen auf der Straße so merkwürdig anschauen – mal mitleidig, mal amüsiert. Wenn ich joggen gehe, ist es schlimmer.
Diese Tränen hinterlassen eine Salzspur auf meinem Gesicht, als wäre meine Haut aus Sand und als wäre immer wieder eine Welle über sie gegangen, hin und her. Oder als wäre mir eine Schnecke über die Wangenknochen gekrochen. Wenn ich mir die Augen geschminkt habe, sind die Tränen schwarz, und es sieht nach Drama aus, als hätte ich einen besonders bewegenden Film gesehen und könnte nicht mehr aufhören zu weinen.
In Wirklichkeit ist es eher wie beim Zwiebelschneiden: Ich weine, ohne besondere Gefühle dabei zu empfinden. Ich weine, ohne zu weinen. Das passiert mir auch beim Gähnen – unabhängig von der Jahreszeit. In solchen Fällen kann ich dem Wetter keine Schuld geben. Dass ich nicht traurig bin, glaubt mir dann niemand. Luciana Ferrando
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