szene: Haare, wie sie eben sind
VonIsobel Markus
Es ist voll an der Bushaltestelle am Berliner Platz der Luftbrücke. Der Bus ist schon 15 Minuten zu spät. Normalerweise wäre ich schon losgelaufen, aber es regnet und hier gibt es ein Wartehäuschen.
Die Leute gucken auf ihre Handys, bis zwei Frauen angelaufen kommen und ihre tropfenden Kapuzen herunterziehen. Die eine hat ein fröhliches Gesicht, das von wunderschönen weißen Locken eingerahmt wird. Es sieht toll aus. Die beiden unterhalten sich über Familienfeste und den üblichen Ablauf, landen schnell bei Weihnachten und Silvester und kommen dann irgendwie auf das Thema Haare. „Du tönst deine Haare, oder?“, fragt die Frau mit den weißen Locken. Die andere nickt.
„Ich hatte es irgendwann so satt“, sagt die erste. „Immer dieses Nachfärben und dann werden die Haare ja immer dunkler, warum auch immer. Ehrlich, ich konnte einfach nicht mehr.“ Die andere nickt und murmelt: „Ich bin irgendwie noch nicht so weit, aber ich finde es an dir wirklich toll.“
Die Frau mit den Locken winkt ab. „Das sagen irgendwie immer alle, dass sie noch nicht so weit sind, aber ich verstehe nicht ganz, was das heißen soll. Zu seinem Alter zu stehen? Man trägt seine Haare ja einfach nur so, wie sie eben sind.“
„Wahrscheinlich, um nicht für älter gehalten zu werden“, sagt die andere und zuckt mit den Schultern.
„Das Krasseste, was mir mal gesagt wurde, war von einem Mann, der im Vorbeigehen zischte: „Findste das etwa schön wie ’ne alte Hexe rumzulaufen?“, und dann noch von einer etwa 70-jährigen Frau, die an der Tramhaltestelle auf mich zukam und richtig entrüstet hervorstieß: „Mit Ihren weißen Haaren verraten sie uns alle.“
Ich und die andere Frau sehen sie entsetzt an.
Sie zieht die Augenbrauen hoch. „Offenbar provoziert man damit Männer, aber auch manchmal Frauen.“
Der Bus kommt und ich denke seitdem darüber nach.
Isobel Markus
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