ortsgespräch: Missklang zur falschen Zeit: Der Blick von der Hamburger Elbphilharmonie soll kosten
Natürlich kann man es einleuchtend finden: Umsonst ist nichts auf der Welt, gratis auch nur das wenigste. Da lässt sich auch der Blick von der Aussichtsplattform der Hamburger Elbphilharmonie mit einem Preisschild versehen: Fünf Euro werden dafür ab Oktober fällig, ermäßigt drei, das hat vergangene Woche der Senat beschlossen.
Sie erinnern sich vielleicht: Ehe es zum Markenzeichen werden konnte, musste das Konzerthaus erst mal fertig sein. Das war es deutlich später als geplant. Im Herbst 2010 hätte der Betrieb beginnen sollen, 2016 tat er es. Kaum überraschend, hat die Elphi auch ein Vielfaches des Betrags gekostet, mit dem CDU-Bürgermeister Ole von Beust einst dafür geworben hatte. Hat wirklich irgendjemand geglaubt, so ein Ding wäre für 77 Millionen Euro zu realisieren? Es wurden mehr als zehnmal so viel.
Und mögen die Scharmützel um ach so wolkige Architekt:innen-Vorstellungen und immer wieder geänderte Pläne heute schon wieder verdrängt sein: In der Weltpresse – einer Beilage der New York Times – landete Hamburgs klingendes Wahrzeichen im Frühling erst wieder auf einer Liste der „umstrittensten Gebäude“.
Es war Olaf Scholz, in dessen Amtszeit als Bürgermeister das „Haus für alle“ schließlich eröffnet wurde. „Das ist unser Balkon, frei zugänglich für jedermann und jedefrau“, sagte der Sozialdemokrat damals. Und die Aussichtsfläche in 37 Metern Höhe konnte ja auch besuchen, wen kein Klassik-Weltstar in einen der beiden Säle lockte, keine Jazzgröße und kein Indierockkonzert im Rahmen des Reeperbahnfestivals.
Das ist keine Bagatelle. Wen das Elphi-Programm nicht reizt, wer sich also einfach nie so recht mitgemeint fühlte von diesem Projekt: dem blieb halt immer noch die Plattform mit dem spektakulären Blick. Mitbezahlt haben ja sämtliche Landeskinder den Prachtbau, nicht nur spätere Konzertbesucher:innen, Hotelgäste oder Käufer:innen hochpreisiger Eigentumswohnungen. Und ja, es dürfte bis heute Menschen geben, deren Elphi-Erfahrung sich genau darauf beschränkt: mal mit dem Besuch aus sonst wo da hinaufgefahren zu sein (die spektakuläre Rolltreppe!) und runtergeguckt zu haben.
Ein Jahr lang sollte die Stadt mit freiem Plaza-Zugang beschenkt werden, das beschloss 2016 die Bürgerschaft. Annähernd 4,5 Millionen Menschen nahmen das Angebot an. 25 Millionen Plattform-Besucher:innen vermeldete man im Juli 2025. Und aus einem für die Leute kostenlosen Jahr wurden zehn; aus welchem Topf die real sehr wohl anfallenden Kosten beglichen wurden, das wechselte. Zuletzt nahm man Geld, das die Kultur- und Tourismustaxe einspielte.
Ein verbindlicher Plaza-Slot ohne Wartezeit kostete schon bisher drei Euro; für größere Gruppen waren zwei Euro pro Kopf fällig. Ab Oktober müssen nun alle zahlen. Hamburgs Kulturbehörde machte daraus eine Erfolgsmeldung: Das bisher dort verwendete Geld anderweitig auszugeben, schone den Kulturetat. Auch kann der Balkonbesuch verrechnet werden mit Konzerttickets.
Wie gesagt: Preisschilder kleben heute auf nahezu allem, und andere Hamburger Wahrzeichen mit Aussicht kommen die Besuchenden sogar noch teurer. Und doch: Vom Haus für alle nur zu reden, wenn gerade Gemüter beruhigt werden müssen, daran ist etwas sehr faul. Ist das Thema Staatsknete für die Elphi denn nun erledigt? Wäre es wirklich so abwegig, die Irgendwie-Gratis-Aussicht der einen über die Tickets der anderen querzufinanzieren? Dass Hamburg sich so ein Haus leistet, müssen doch auch die mittragen, die keine Konzerte wahrnehmen – aber vielleicht den schönen Ausblick. Alexander Diehl
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