juttas neue welt: Schöne Grüße an den Webmaster
Mein Webmaster hat mich verlassen. Kein Flehen und Weinen half, ihn von seinem Entschluss abzubringen, künftig in einer anderen Stadt Freundschaften und Internetseiten zu pflegen. Und da Verflossene nicht immer ohne weiteres zu ersetzen sind, blickte unsere Redaktion in eine große, schwarze Personallücke. Deshalb war die letzte Amtshandlung des untreuen Kollegen, mich in die hohe HTML-Kunst einzuweisen. Ein Abschiedsgeschenk mit Folgen. Bis vor kurzem genügte eine E-Mail im Imperativ, und er machte unsere Homepage schick, plötzlich musste ich mich auf eigene Faust und Verantwortung in kryptische Skripten knien. Und das so lange, bis ein Nachfolger gefunden war, der meine Anfängerfehler rausbürsten durfte.
Bei der ersten Begegnung mit der „Hyper Text Markup Language“ kam ich mir vor wie eine Analphabetin mit Sehfehler und verweigerte die intensivere Auseinandersetzung mit spitzen Klammern, Slashs und sinnlosem Wortgewürfel. Doch trotz meines Gejammers – der scheidende Webmaster war unerbittlich, peitschte mich mit Erklärungen und zerrte mich über Eselsbrücken. Als Hausaufgabe legte er mir die Seite www.teamone.de ans Herz, die ich aber bloß mit dem halben studierte. Was gibt es Uninspirierenderes, als sich von Kommandierbesserwissern Programmierbefehle eintrichtern zu lassen?
So verweigerte ich mich der HTML-Schulung erfolgreich und hoffte auf mein Naturtalent – und natürlich auf einen neuen Seitenbauer. Doch es kam tatsächlich der Jüngste Tag, an dem ich mich ins kalte Website-Wegpfusch-Wasser stürzen musste. Also holte ich zaghaft das heilige Skript – so rein und zierlich sollte es nie wieder sein – auf meine Festplatte und begann, es Zug um Zug zu verschlimmbessern. Neue Texte und frische Überschriften rein, alte raus, Bilder austauschen und alles exakt verlinken – wenn das kein absolut nobelpreisverdächtiger Job ist! Ich tippte, copyte & pastete, bis meine Hand von einem Krampf geschüttelt wurde und der Schweiß meines Angesichts über die Tastatur floss. Vor meinen Augen flimmerten Tags und Wörter wie „width“, „colspan“ und „font face“ – alles natürlich in den spitz-bedrohlichen Klammern. Noch nie habe ich mich so lange mit absoluten Rätseln beschäftigt.
Nach einer Ewigkeit im skriptulösen Dunkeln gab ich auf und schoss verzweifelt mein Fabrikat auf den Server. Falls sich in diesem Moment Surfer auf unserer Seite tummelten, suchten sie garantiert schleunigst das Weite – wer lässt sich schon gern eine Buchstabensuppe über den Bildschirm schütten? Trotz eines nahenden Kollapses hatte ich noch die Kraft, den abtrünnigen Kollegen anzurufen, der mir telefonisch aus der Patsche half. Aber immer noch nicht einsehen wollte, wie unentbehrlich er ist und wie sehr ich ihn vermisse.
Nachdem ich regelmäßig Cyber-Super-GAUs auf unserer Seite produziert hatte, erkannten die Chefs die tägliche Gefahr, der unsere Homepage ausgesetzt war, und fischten schneller als erwartet einen neuen Webmaster vom Arbeitsmarkt. Dabei hatte ich mich gerade mit meinem Schicksal abgefunden und wollte die erste Trash-Webmasterin der Welt werden und dafür irgendeinen Online-Oscar einheimsen. Jetzt muss ich wieder normale und keine Hyper-Texte schreiben – kann mir aber nicht verkneifen, meine fundierten und unter Schmerzen erworbenen HTML-Kenntnisse als Stilmittel einfließen zu lassen. Auch meinem Ex-Webmaster, mit dem ich noch in regelmäßigem E-Mail-Kontakt stehe, serviere ich mit Vergnügen die volle Ladung meines Könnens und verabschiede mich elegant codiert: Tschüß und viele Grüße, Deine<br>
JUTTA HEE&SZLIG;
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen