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Kollektive Therapie ■ Von Senada Marjanovic
Zweimal ereignete sich in der Familie der Kosovo-Albanerin Sanije die gleiche Geschichte. Vor 40 Jahren wurden ihre Mutter als 16jährige sowie andere zahlreiche Mädchen in ihrem Alter von Titos Genossen und dem damaligen jugoslawischen Polizeichef Alexander Rankovic geschändet. Dieser war oft im Kosovo auf Jagd nach Wildschweinen und eben jungen albanischen Mädchen. Vor ein paar Monaten erlebte Sanije das gleiche Schicksal – nur waren diesmal die Schänder Soldaten der serbischen Armee. Darüber schweigt man allerdings üblicherweise. Sanije jedoch macht Witze, denn wovon man nicht reden kann, das lacht man am besten aus.
Kennen Sie zum Beispiel den: „Serbische Freischärler kommen in ein albanisches Haus im Kosovo, in dem ein altes Mütterchen lebt. Sie plündern das Haus aus und verlassen es anschließend. Da ruft ihnen die Alte noch nach: ,Hey, wartet doch mal! Ihr habt vergessen, mich zu vergewaltigen!'“
Das erzählt Sanije und lacht dann bitter darüber. Die meisten vergewaltigten Frauen dagegen sterben aber mit ihren Geheimnissen. Nur eine vergewaltigte Bosnierin erzählt beinahe fröhlich: „Alle müssen wissen, daß uns die Serben vergewaltigt haben. Doch ein paar unter ihnen haben keinen hochgekriegt.“
Geschmacklos? Ja natürlich, aber manche Frauen sind nur dadurch imstande, von der Scham, dem Schmerz, den Wunden und der Beleidigung loszukommen. Damals, als der Krieg in Bosnien ausbrach, mußte ich auf Schritt und Tritt über ihn erzählen. Am schlimmsten war es, immer wieder zu erklären, woher so großer Haß käme und wozu die ganzen Verbrechen, Massaker und Vergewaltigungen. Ich schämte mich so lange, bis ich eines Tages kurz und knapp einfach alles rechtfertigte: „So benimmt sich eben ein Mensch vom Balkan!“ Ich erzählte Witze von diesem Balkan-Menschen und kam auf diese Weise mit meiner neuen Lebenssituation zurecht.
Als die ersten Flüchtlinge aus Sarajevo nach Berlin kamen, entdeckte ich, daß es nicht nur meine Art und Weise war, mit Humor die schwierigen Situationen im Leben zu meistern. Sie erzählten mit Witz und Trauer über die belagerte Stadt, und oft konnte man wirklich nicht mehr unterscheiden, was als Witz und was ernst gemeint war, wenn sie von Tod, Mord und Verbrechen redeten.
Später erzählte mir meine jüdische Freundin, eine Schriftstellerin, über jüdischen Humor in den Konzentrationslagern, und ich stellte fest, daß man mit Witz und Trauer von den Schatten der Vergangenheit erzählen und der Tragödie des Holocaust sowie des Krieges in Bosnien und im Kosovo gerecht werden und sich trotzdem heiteren Sarkasmus bewahren kann. Das nennt man kollektive Therapie, hinter der die Botschaft steckt: „Bloß durchhalten und Witze machen!“
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