helpDavid-App: Kantorin setzt auf Community

Kantorin stellt App vor, mit der bei rassistischen und antisemitischen Angriffen Hilfe gerufen werden kann. Innensenator setzt weiterhin auf 110.

Kantorin Avitall Gerstetter bei einem ökumenischen Gottesdienst im Berliner Dom

Kantorin Avitall Gerstetter bei einem ökumenischen Gottesdienst im Berliner Dom Foto: Christian Ditsch/dpa/picture alliance

BERLIN taz | Es muss was passieren – nach der Demonstration am 15. Mai sei ihr das klar gewesen, erzählt Avitall Gerstetter. Noch in der Nacht habe sie ihr Team beauftragt, eine App zu entwickeln, die bei antisemitischen und rassistischen Angriffen für die Bedrohten schnelle Hilfe herbeiführen kann. Am Donnerstag präsentierten Gerstetter und ihre Mitarbeiter das Ergebnis: eine Hilfe-App namens „helpDavid“.

Die Pressekonferenz fand in der Bar Brass in Charlottenburg statt. Einmal im Monat veranstaltet Gerstetter dort einen Schabbatsalon. Die zierliche Frau mit den roten Locken war 2001 die erste jüdische Kantorin in Deutschland. Von Medien wird die gebürtige Berlinerin als Mensch beschrieben, der sich für ein liberales Judentum und einen interreligösen Austausch einsetzt.

Auslöser, die Hilfe-App auf den Weg zu bringen, war für Gerstetter die propalästinensische Demonstration am 15. Mai in Neukölln. Rund 6.000 Menschen waren da gegen die israelischen Angriffe auf den Gaza­streifen auf die Straße gegangenen, darunter zahlreiche Palästinenser. Es kam zu heftigen Ausschreitungen mit der Polizei, israelische Fahnen wurden verbrannt, antiisraelische und antisemitische Parolen skandiert. „Mitten am Tage hat ein wütender Mob wieder einmal stundenlang wüsteste antisemitische Parolen verbreiten können bis zum Aufruf zum Mord an allen Juden“, schrieb Gerstetter in ihrer Einladung zur Vorstellung der Hilfe-App. Sie vertraue nicht mehr auf die wohlfeil-betroffenen Worte der Politiker nach solchen Eskalationen.

Hilfe zur Selbsthilfe durch den Schutz der Community, das sei ihr Ansatz mit „helpDavid“, so die Kantorin am Donnerstag. Deutschlandweit soll die App an den Start gehen, sobald sie von Apple und Google in den entsprechenden App Stores freigeschaltet ist. Für 2,29 Euro, so der Plan, sollen sie möglichst viele Menschen kaufen und auf ihrem Handy installieren. Je größer der Verbreitungsgrad, umso größer die Chance, einer bedrängten Person in der Nähe beistehen zu können.

Wie die App funktioniert, erklärte deren Entwickler, Robin Huse, mit zwei Handys: Auf dem einen Gerät erscheint eine Grafik des eigenen Standortes. Der Notruf wird durch Druck auf den SOS-Knopf ausgelöst. Der Alarm geht auf dem anderen Handy ein. Die dortige Grafik zeigt, wo sich die bedrängte Person befindet. Man könne einstellen, wie weit weg von einer Notlage man noch informiert werden möchte, so Huse.

Unter dem SOS-Knopf befindet sich ein Link zur 110-Notrufnummer der Polizei. Gern hätte man den SOS-Ruf und die Standortanzeige direkt mit der Polizei verbunden, erzählt Gerstetters Assistent, Samuel Urbanik. Innensenator Andreas Geisel (SPD) habe auf die zweimalige Anfrage aber nicht mal geantwortet.

Geisels Pressestelle teilte auf Nachfrage der taz lapidar mit, „wir empfehlen allen Menschen, die in einer Gefahrenlage sind, die 110 anzurufen.“ Dies sei der schnellste Weg.

Im Übrigen unterstütze die Senatsverwaltung den Ausbau der Hotline Antisemitische Gewalt. In der Konsultation des Antisemitismusbeauftragten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und der Beratungsstelle bei antisemitischer Diskriminierung und Gewalt (OFEK) sei der Wunsch geäußert worden, die bestehende Hotline der OFEK zu verstärken und keine Parallelstrukturen aufzubauen. Diesem Wunsch sei man gefolgt.

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