die wahrheit: Im chinesischen Nationalcircus

Der Vorhang geht auf. Natürlich nicht einfach so...

...Er wird von chinesischen Seidenraupen, die eine universitäre Ausbildung in Spinnen, Sich-selbst-Kochen und Konversation absolviert haben, mit Hilfe des kräftigsten ihrer Beinpaare hochgezogen. In der Mitte des Zirkusbodens zittert ein heller Lichtfleck. Er wird größer, entpuppt sich als ganz kleiner Chinesier. Äußerlich kaum von einer Handvoll Sägespäne unterscheidbar hatte er dort auf den Boden gepresst gewartet, bis der pentatonische Lauf der Knochenflöte nach sieben Stunden zur ersten der 38 Strophen aus der Pekingoper "Die Knochenflöte" ansetzt. Der kleine Chinesier windet sich schlangengleich in die Senkrechte, mal ähnelt er dabei einem Affen, mal einem Hahn, mal einem Drachen, je nachdem, wann derjenige geboren ist, in dessen Richtung der Artist gerade guckt. Schließlich berührt nur noch die Spitze seines zarten rechten Fußes den Boden, der Rest des Körpers liegt in einer perfekten Waagerechten, was dadurch bewiesen wird, dass kurz ein rotgesichtiger Handwerker in die Manege rennt, eine kleine Wasserwaage in den Schritt des Artisten legt, anerkennend grinst, einen Daumen nach oben hält, und vernehmbar "allet im jrünen Bereich, möchte ickma sajen" murmelt.

Und während man sich wundert, dass man das durch das ohrenbetäubende Geschmetter des Dagous, Fous und Fangxiang (welches den Namen eines chinesischen Gesellschaftsspiels trägt, bei dem man den Pudel Xiang fangen und frittieren muss) überhaupt hören kann, rollen siebzehn Jungfrauen in die Manege. Ihre Lotusfüße sind perfekte kleine Kugeln (jeder Durchmesser über 7,34 cm wäre unsexy und eine Beleidigung an ihren künftigen Ehemann). Die Jungfrauen bilden einen Kreis um den Artisten, rollen rückwärts auf ihn zu, verhaken die hinteren Stoffbahnen ihrer mit Kirschblüten, Ratteneingeweiden und Phönixen bedruckten Cheongsams miteinander und hüpfen auf den ausgestreckten Beinen des Artisten, acht auf das rechte Bein, acht auf das linke Bein, eine in den Schritt. Die Wasserwaage hat die Schrittsteherin mit einer anmutigen Bewegung, unterstrichen von einem schüchternen Lächeln, behend mit ihren Kirschblütenlippen gegriffen, hochgeschleudert - sie verschwindet in ihrem schwarzen Haarnest, musikalisch begleitet von der durch rhythmisches Glückskekseknicken intonierten Titelmelodie von "Die Rebellen vom Liang-Shang-Po".

Jetzt schleudert die siebzehnte Jungfrau ein paar Essstäbchen in die Luft, legt den Kopf schief und fängt sie im Gehörgang wieder auf. David Bowie und sein Sohn Zowie Bowie kommen in die Manege geflickflackt, sie singen "Little China Girl". Nach einer Runde bleiben sie voreinander stehen und küssen sich mit Zunge. 24 Han-Chinesier und Han Solo lassen sich an ihren Zöpfen von der Zirkusdecke runter, reißen ihre Kung-Fu-Jacken auf und zeigen T-Shirts mit der Aufschrift "Sheena is a punkrocker". Das Publikum tost. Und das war nur das Vorprogramm. Richtig los geht es, wenn gleich die über Fünfjährigen dran sind.

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