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die sache istSchnitt ins Ganze

Einst gab es noch Kreuzungen, Berührungspunkte und Steckkontakte. Heute sind sie allesamt Schnittstellen geworden

Früher war nicht nur mehr Lametta, sondern auch mehr „Kreuzung“, „Berührungspunkt“ und mehr (gedachter) Zaun zwischen diesem und jenem Genre, um den sich irgendwelche Kunst- und Kulturbetriebs-Mavericks aber natürlich nicht scherten: Munter sprangen sie darüber, spielten doch tatsächlich Country UND Western! Noch früher fand ständig irgendetwas an einer gedachten Kreuzung statt (an der auch der Teufel Seelen eintauschte gegen zum Beispiel musikalisches Talent …). Und heute? Gelangt kaum ein Produkt-Waschzettel oder Tagungs-„Impuls“, kaum eine Pressemitteilung oder Preisträger:innen-Vita mehr an sein Publikum, ohne dass eine Schnittstelle dabei ist.

Auf der „von kreativem Schreiben und Fotografie“ hat das Hamburger Literaturhaus einen Sommerworkshop veranstaltet. „Trubeligen Alltag“ mit „Ruhepolen zum Durchatmen und Träumen“ verband eine andere, als neulich, ebenfalls in Hamburg, die Sängerin Lissa Meybohm auftrat. Und der Düsseldorfer Musiker und Komponist Raffael Seyfried, klar, arbeitet „an der Schnittstelle von akustischem und elektronischem Material“.

Das „Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache“ (DWDS) weiß, wie häufig das Wort „Schnittstelle“ benutzt wird – ganz genau: der „DWDS-Zeitungskorpus“, „eine Vielzahl bedeutender überregional verbreiteter Tages- und Wochenzeitungen“. Es zeigt sich: Genutzt wurde das Wort ab den 1960er-Jahren, stabil, aber überschaubar war seine Häufigkeit ab Mitte der 1970er- und die 1980er-Jahre hindurch: Da hielt der Heimcomputer Einzug in vielen auch deutschen Haushalten.

Mit dem GSM-Standard begann 1990/91 das Zeitalter der digitalen Mobiltelefonie, auch die Entwicklung des offenen Betriebssystems Linux ging los – und es explodierte geradezu die Popularität des Wortes. 2021 war der vorläufige Höhepunkt erreicht, seither bröckelt die Kurve; andere Datensätze liefern ähnliche Bilder. Mit dem Einzug von Computertechnik in private Haushalte, beschleunigt noch mal durch das World Wide Web, scheint das Interesse an Schnittstellen gewachsen zu sein, der Bedarf sich damit zu beschäftigen. Musste erst am Anschließen des neuen Druckers kurz vor dem Verzweifeln gewesen sein, wer die Metapher wirklich verstehen wollte?

„Die Beschreibung der Grenze ist Teil ihrer selbst“, beinahe-heideggert es im Wikipedia-Artikel: In ihren ältesten, technischen Kontexten stand die Schnittstelle gerade nicht fürs Verbinden von eigentlich nicht Zusammengehörigem. Zumal, wenn sie sich von ihren technischen Anfängen entfernt, geht es bald um (unterstellt) Gegensätzliches, das doch miteinander kann; nicht von selbst sich erklärende Begegnungen, verblüffende Kombinationen – als wäre sie Geschöpf des Surrealismus! Dabei setzt die Rede von der Schnittstelle zwischen, sagen wir: Kunst und Wissenschaft gerade voraus, dass beide Teil ein- und desselben Systems sind, dass in ein Ganzes geschnitten wird. Klar: Sprache wandelt sich, warum sollte es der Schnittstelle besser ergehen, sagen wir, als Shakespeares gewitterter Morgenluft?

Im Zusammenhang mit den so mächtigen, das alte WWW vielfach abzulösen versprechenden Social-Media-Plattformen ist das „application programming interface“, kurz: API, zu Deutsch „Anwendungsprogrammierschnittstelle“, enorm wichtig, also die Protokolle und Regeln, mittels derer Anwendungen miteinander kommunizieren – diese Kommunikation entscheidet über den Erfolg einer Plattform, einer Software. Solche nicht mehr anfassbaren, ganz realen Schnittstellen ermöglichen die Beforschung von Nut­ze­r:in­nen­ver­hal­ten und Debattenverläufen, ein etwas weniger nerviges Marketing – und genauso die gezielte Unterstützung des Trump’schen Wahlkampfs durch Daten-Neugier-Dienstleister wie Cambridge Analytica. Alexander Diehl

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