die sache ist: Der Fetzen von Bayeux
Schleswig-Holstein restituiert ein in der NS-Zeit geraubtes Teppichstück nach Frankreich
Diesen Teppich kann man nicht so einfach mitnehmen. Denn der ist 68 Meter lang und zeigt eine fortlaufende Bildergeschichte – das bekannteste Comic des Mittelalters. Vom 1077 geschaffenen Teppich von Bayeux ist die Rede, einer Ikone mittelalterlicher Kunst mit politischer Implikation. Er zeigt die englisch-normannische Geschichte von 1046 bis zur Schlacht bei Hastings 1066 um die Krone von England, dargestellt in 58 auf Leinen gestickten Szenen.
Der Kampf endete mit dem Sieg des normannischen Herzogs „Wilhelm der Eroberer“ und dem Tod seines Rivalen, des englischen Barons Harold Godwinson. Und hierin liegt bis heute die Brisanz: Ein Normanne, ein Franzose, erobert England und beherrscht es gar für einige Jahre! Das macht den Teppich bis heute zum französischen Nationalheiligtum.
Allerdings, das Gewebe hat im Laufe der Jahrhunderte etliche Risse und Löcher bekommen. Eins davon kann nun mit einem Überraschungsfund im Landesarchiv Schleswig-Holstein gestopft werden. Dort hat man vor gut einem Jahr im Nachlass des 1984 verstorbenen Archäologen Karl Schlabow eine DIN-A6-große, mit „Bayeux“ beschriftete Glasplatte mit Fasern und einem Stück Leinen gefunden. Schlabow, 1933 in die NSADP und später in die SS eingetreten, hatte 1941 im Auftrag der von Heinrich Himmler gegründeten „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe“ im besetzten Frankreich besagtes Stück Stoff aus der Teppichrückseite geschnitten. Das wollte er im Kieler „Museum vaterländischer Alterthümer“ – Vorläufer des Schleswig-Holsteinischen Landesarchäologischen Museums – analysieren.
Wobei die Materialprobe nur das Aperçu war. „Im Grunde ging es wohl darum, den Sieg des Normannen Wilhelm als Beleg germanischer Überlegenheit zu interpretieren und für die NS-Ideologie zu vereinnahmen“, vermutet Rainer Hering, Leiter des Landesarchivs Schleswig-Holstein. Dem Vernehmen nach soll Wilhelm zudem von den skandinavischen Rolloniden abstammen, was ihn noch NS-Ideologie-tauglicher machte.
Genaueres wisse man nicht, sagt Hering, da das „Ahnenerbe“-Projekt nie beendet worden sei. „Jedenfalls bin ich der Meinung, dass dieses Teppichstück NS-Raubkunst ist und zurückgegeben werden muss“, sagt er. Deshalb soll es, nach einer Ausstellung in Gottorf von April bis November, restituiert werden.
Auch über Karl Schlabow, nach dem Zweiten Weltkrieg Begründer des Textilmuseums Neumünster, sei das letzte Wort noch nicht gesprochen. „Seinen Bayeux-Aufenthalt hat er nie öffentlich gemacht“, sagt Hering. Da bedürfe es einer kritischen Monografie. In der Tat steht auch auf der Homepage des Textilmuseums Neumünster nur, dass Schlabow nach Kriegsende „bis 1947 interniert“ war. Dass es wegen seiner NS-Belastung war, er später unbehelligt weiterforschte und – teils als unseriös umstrittene – Restaurierungen vornahm, steht da nicht. Petra Schellen
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