die ortsbegehung: Ringen um die Spiele an der Binnenalster
Kommende Woche sollen die Hamburger:innen über eine Olympiabewerbung abstimmen. Die rot-grüne Wahlkampfkampagne ist auch am Jungfernstieg nicht zu übersehen
Aus Hamburg André Zuschlag
Es sind ziemlich genau 400 Meter vom einen Ende des Jungfernstiegs zum anderen. Auf die Idee, den Weltrekord von 43,03 Sekunden dafür zu unterbieten, kommt hier natürlich niemand. Auf Hamburgs Prachtpromenade schlendert man schließlich, blickt in die Schaufenster von Chanel und Apple auf der einen Seite oder lässt den Blick über die Binnenalster auf der anderen Seite schweifen.
Ein Versuch, den Sprint des Südafrikaners Wayde van Niekerk bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro von vor zehn Jahren zu unterbieten, wäre in diesen Tagen aber ohnehin ein Ding der Unmöglichkeit. Nicht nur, weil es gerade mehrere Baustellen auf der Promenade gibt. Denn da stehen auch noch einige Dutzend hüfthohe Plakataufsteller auf dem Gehweg, die kaum einen geraden Sprint erlauben.
Senat wirbt mit Macht für ein Ja
Es gibt gerade nicht viele weitere Orte in Hamburg, an denen auf so kurzer Strecke der Wahlkampf so intensiv geführt wird. Am 31. Mai können die Hamburger Wahlberechtigten darüber abstimmen, ob sich die Stadt für die Austragung olympischer und paralympischer Spiele bewerben soll. Der rot-grüne Senat ist dafür – und wirbt mit aller Macht für ein Ja beim Referendum. Er hat auch schon deutlich die Oberhand, was die Wahrnehmung im öffentlichen Raum angeht: In der ganzen Stadt hängen die Wahlplakate für ein Ja, auf kaum einer der digitalen Werbetafeln flimmert nicht die Pro-Olympia-Kampagne („Dein Ja macht Hamburg zur Nummer 1“), auf Dächern in der Innenstadt wehen Flaggen mit den olympischen Ringen – und am Jungfernstieg führt die Pro-Seite im Wahlplakatwettkampf mit den Olympia-Gegner:innen uneinholbar mit 21 zu 12.
Dabei ist der Jungfernstieg nicht unbedingt der Ort, wo Wahlplakate die höchste Wirksamkeit erzeugen dürften. Menschen mit dicken Einkaufstüten, Rucksäcken und Selfiesticks dominieren hier, spazieren auf den Treppenstufen hinunter zum Anleger der Alsterdampfer und setzen sich auf die Steinbänke in die Sonne – augenscheinlich nicht wahlberechtigte Tourist:innen.
Aber der Ort ist nun mal Kernstück des Olympiakonzepts; vor dieser Kulisse aus Wasser und stolzen Gründerzeitpalästen soll im Jahr 2036, 2040 oder 2044 einmal die Eröffnungsfeier stattfinden. Eine mäßig realitätsnahe Visualisierung soll den Hamburger:innen schmackhaft machen, dass fünf den olympischen Ringen nachgebildete schwimmende Plattformen auf der Binnenalster als Kulisse locker anknüpfen können an die Eröffnungsfeier der vergangenen Spiele auf der Pariser Seine. Und sogar der sportliche Wettkampf um Medaillen soll auf schwimmenden Plattformen stattfinden: Am östlichen Rand der Binnenalster, wo gerade zwei der frisch vor wenigen Tagen aus ihrem Winterquartier entlassenen Alsterschwäne paddeln, soll gar der Bogenschießenwettbewerb überm Wasser ausgetragen werden.
Eine schöne Kulisse bieten, aber auch ziemlich günstig sollen mit solch temporären Sportstätten Olympische Spiele in Hamburg werden. Bei der Vorstellung des Konzepts vor einigen Wochen, darauf war der Senat dieser Kaufmannsstadt besonders stolz, könnte am Ende der Spiele nicht mal eine rote Milliardensumme stehen, sondern – ein Gewinn von 100 Millionen Euro! Nicht nur die Linkspartei, die als einzige der demokratischen Parteien in der Hamburger Bürgerschaft gegen Olympia ist, glaubt das nicht – und warnt auf ihren wenigen, auch etwas schlichten Wahlkampfplakaten („Nein zu €lympia!“), die am Jungfernstieg wie im Rest der Stadt von olympiabegeisterten Plakaten umzingelt sind, vor mindestens sechs Milliarden Euro Miese.
Hoffen auf den Kassenschlager
Die Frage
Soll sich Hamburg für Olympia bewerben? Ist da ein „Milliardenregen oder Milliardengrab“ zu erwarten? Das wird im taz Salon diskutiert. Auf dem Podium sitzen Alske Freter (sportpolitische Sprecherin der Grünen), Christoph Holstein (Sportstaatsrat SPD), Eckart Maudrich von der Initiative Nolympia und Heike Sudmann (Fraktionschefin Die Linke Hamburg), taz-Redakteur André Zuschlag moderiert.
Der Ort
Montag, 25. 5., 19.30 Uhr, Haus 73, Hamburg. Anmeldung unter taz.de/salon
18 Millionen Euro werden bis zum Wahltag aber schon mal weg sein, so viel haben SPD und Grüne für Konzept und Kampagne aus öffentlichen Mitteln zur Verfügung gestellt: Weniger bekannte Hamburger:innen aus der Nachbarschaft („Decksfrau Xenia aus Rothenburgsort“ findet, dass Hamburg „grüne“ Spiele auf die Beine stellen soll) und etwas mehr bekannte Hamburger:innen (Fischmarkt-Legende Aale-Dieter findet: „Butter bei die Fische: Die Spiele werden zum Kassenschlager“ ) sollen auf den Plakaten die bodenständigen Olympiapläne schmackhaft machen.
Gegen diese finanzielle Wahlkampfübermacht versuchen es am Jungfernstieg Gegner:innen mit nicht allzu legalen Mitteln: Mit simplen weißen Zetteln sind einige Pro-Plakate überklebt, mit der handschriftlichen Begründung, keinen Bock auf Olympia zu haben, etwa „weil Geld in der Bildung fehlt“.
Für eine jüngere Männergruppe, die angesichts ihrer Trachtenhosen offenbar aus Bayern für das gerade begonnene Wochenende zu Besuch ist und mit einem Bier in der Hand wohl auf ihren Gästeführer wartet, ist das jedenfalls ein Hingucker. Weder ablehnend noch billigend nehmen sie das überklebte Plakat kurz zur Kenntnis – und spiegeln damit nach derzeitigem Stand auch die Haltung der Hamburger:innen zur Olympiafrage: Recht klar dafür, sagte kürzlich die eine Umfrage; recht klar dagegen, sagte nahezu zeitgleich die andere. Aber beide wurden noch vor Plakatflut geführt – rekordverdächtig eng könnte die Wahl ausgehen.
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