die ortsbegehung: Die verlorene Zukunft der Zeit
Die Berlin-Uhr ist ein außergewöhnlicher Zeitmesser und war ein Wahrzeichen der Stadt. Heute erscheint sie so sonderbar, dass sich an ihr alles besser als die Zeit ablesen lässt
Aus Berlin Nathan Pulver
Einst prangte sie prominent in sieben Meter Höhe auf dem Mittelstreifen des Kurfürstendamms im Zentrum Westberlins, heute steht sie verwahrlost und vergessen an der Budapester Straße zwischen Zoo und Breitscheidplatz: die Berlin-Uhr. Leicht ist sie so zu übersehen, zumal einem auf einen ersten Blick gar nicht klar wird, wozu dieses abstrakte Gebilde dient.
Auf einer stahlgrauen Säule leuchten in vier horizontalen Balken Lichter in Rot, Orange und Gelb. Drei Lichtreihen sind in vier Felder unterteilt, eine vierte Reihe in elf kleine. Dass das das Ziffernblatt einer Uhr sein soll, muss erst mal erkannt werden, und denen, die hier die Uhrzeit abzulesen versuchen, stellt sie ein Rätsel auf.
Im Guinnessbuch der Rekorde
Denn wie der Bedienungsanleitung des Geräts zu entnehmen ist, hat die Berlin-Uhr „zugunsten der Mengenlehre auf Zeiger- und Ziffernblatt verzichtet und die Zeit in Lichtfelder zerteilt“. Als „erste Uhr der Welt, die die Zeit mit leuchtenden farbigen Feldern anzeigt“, ging sie bei ihrer Aufstellung 1975 ins Guinnessbuch der Rekorde ein.
Was die Stunde geschlagen hat, erfährt man laut Bedienungsanleitung bei der Berlin-Uhr wie folgt: „In der obersten Reihe zeigt jedes Feld 5 Stunden, in der Reihe darunter jedes Feld 1 Stunde. In der nächsten Reihe folgen 11 Felder zu 5 Minuten. In der untersten Reihe zeigt jedes Feld 1 Minute. Um die Zeit abzulesen, zählt man die Mengen der erleuchteten Felder von oben nach unten zusammen.“ Wenn man sich einen klassischen Rechenrahmen vorstellt mit den Lichtquellen der Uhr als Zählperlen, lässt sich ihre Funktionsweite leicht erkennen. Schnell mal die Zeit abzulesen, bleibt dabei aber eine umständliche Rechenaufgabe.
Diesem Anspruch der Berlin-Uhr, ganz ohne Zahlenfolgen auszukommen und stattdessen mit einzelnen Einheiten die „Menge“ der verstrichenen Minuten und Stunden zu zeigen, ist geschuldet, dass sie auch „Mengenlehre-Uhr“ genannt wird. Im Westdeutschland der 70er Jahre erhielten Kinder in einem neu gestalteten Mathematikunterricht farbige Plastikförmchen anstelle der üblichen Rechenübungen, um sie mit dieser Mengenlehre früh mit abstrakter Mathematik vertraut zu machen. Die eigentümliche Darstellung der Zeit auf der Berlin-Uhr mag viele an ähnlich überfordernde Aufgaben aus dem damaligen Unterricht erinnert und ihr so auch den doch irreführenden Namen eingebracht haben. Denn mit Mengenlehre hat die Funktionsweise der Uhr, wie Mathematiker bemerken, „nicht das geringste zu tun“.
Ihr Erfinder Dieter Binninger hatte den Zeitmesser dem Land Berlin verkauft, welches ihr den Standort auf dem Kurfürstendamm bescherte. Für die Wartung der Uhr blieb aber Binninger zuständig. Die für die Leuchtanzeige verwendeteten Glühbirnen hatten aber eine deutlich geringere Lebensdauer als erwartet. Ihr Austausch in den sieben Metern Höhe erforderte die Verwendung einer Hebebühne und blockierte den Verkehr, was die Kosten für den Unterhalt der Uhr in ungeahnte Höhen trieb.
Der Erfinder wusste sich letztlich selber zu helfen und erfand kurzerhand die Binninger-Birne: eine mit Edelgas befüllte Glühbirne mit einer um das 150-Fache gesteigerten Lebensdauer. Seine neuerliche Erfindung zog allerdings die Aufmerksamkeit von den etablierten Elektrounternehmen auf sich, die den Markteinstieg solcher langlebigen Glühbirnen verhinderten. Stattdessen produzierten sie ihre Leuchtmittel nach den lukrativen Prinzipien der geplanten Obsoleszenz, wie „Das Glühbirnenbuch“ des taz-Aushilfshausmeisters Helmut Höge dokumentiert. Wegen der absichtlich kurz gehaltenen Lebensdauer müssen ihre Birnen häufiger ersetzt, also nachgekauft werden.
Nach dem Tod des Erfinders stand die Berlin-Uhr erst mal lange still. Kurz bevor die Bezirksverwaltung sie einem Uhrenmuseum im Schwarzwald überlassen wollte, bemühte sich ein Kreis von Geschäftsmännern des Europa-Centers um ihre Übernahme. So fand die Berlin-Uhr ihren heutigen Platz in der Nische an der Budapester Straße, damals direkt vor einem Touristenzentrum, wo sich nun eine Autovermietung befindet.
Zeichen im Westen mit Blick nach Ost
Die Besonderheit
Als Stück Zeitgeschichte und unkonventioneller Zeitmesser lädt die Berlin-Uhr zur mitrechnenden Kontemplation ein. Zum Beispiel auch jetzt am Sonntag, 29. März, wenn die Zeit in der Nacht wieder mal umgestellt wird, eine Stunde nach vorn.
Zielpublikum
Nicht zuletzt Ingenieur:innen, die sich zur neuen Erfindung inspirieren lassen wollen.
Hindernisse auf dem Weg
Verwechslungsgefahr. Im Inneren des Europa-Centers steht auch die 13 Meter hohe „Uhr der fließenden Zeit“. Auch sie ist einen Besuch wert.
Die erste Aufstellung der Uhr auf dem Kurfürstendamm darf dabei durchaus als Versuch gelten, ein von westlichem Weltgeist strotzendes Gegenstück zur DDR-Weltzeituhr am Ostberliner Alexanderplatz zu bilden. Dazu passt es dann, dass die Berlin-Uhr in den 90er Jahren im Europa-Center landete, dem Einkaufszentrum aus den 60er Jahren mit dem Charakter eines verstaubten Kramladens in Supergröße, das heute selbst als Monument des ideologischen Wettkampfes zwischen Ost und West erscheint.
Doch die Zeiten haben sich geändert und die Uhr ist selber gezeichnet vom Wandel der Zeit: Hinter den Scheiben ihrer Anzeige flackern die Glühbirnen, eine Lichtfläche ist ganz erloschen. Auf Anfrage schreibt die Verwaltung des Europa-Centers: „Sofern nötig und möglich, werden Reparaturen an der Elektrik von unserer Haustechnik vorgenommen.“
In ihrem gegenwärtigen Zustand steht der Uhr nichts im Weg, im Strom der Zeit unterzugehen.
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