die ortsbegehung: Am Ende steht da dann eine Bankfiliale
Der kleine Tod der Subkultur lässt sich an einer Kreuzung im Hamburger Stadtteil Ottensen studieren: Niemand meint es böse, es ist einfach kein Platz mehr dafür vorhanden
Aus Hamburg-Ottensen Daniel Wiese
An einer viel frequentierten Kreuzung in Ottensen, genau gegenüber der alten Fabrik, vor der bei Konzerten immer die Menschenschlangen stehen, tut sich im Stadtbild ein Loch auf. Die ganze Ecke ist weg, abgerissen von Baggern, die einen riesigen Schuttberg hinterlassen hatten, der längst auch weg ist, von Lastern abtransportiert.
Übrig geblieben sind nur verstreute Steine, zwischen denen schon wieder die Pflanzen wachsen. Am Rande der Brache steht noch ein Geisterhaus, durch das man durchsehen kann, weil drinnen nichts mehr ist. Die Brache ist mit Metallgittern abgeriegelt, dahinter liegt der Parkplatz eines Supermarkts.
Bevor die Bagger kamen, stand an dieser Ecke ein auffälliges zweistöckiges Gebäude, das eine Biegung um die Ecke machte. Die Fassade war mit durchlaufenden Simsen verziert, die kleinen Fenster mit Bögen abgesetzt. Früher war hier einmal eine Fischräuchereifabrik. Später wurden Fischkonserven produziert, in der Nazizeit von russischen Zwangsarbeiterinnen.
Das langgezogene runde Eckgebäude war übrig geblieben. Im Erdgeschoss hatten sich Läden breitgemacht: direkt an der Ecke ein Falaffel-Imbiss, in dem bedrohlich der Kühlschrank mit den Getränken surrte, die man sich selbst herausholen konnte. Weiter hinten kam die „Taverna Sotiris“, deren Wirt zunächst nur nebenbei als Schauspieler arbeitete, bis er irgendwann ein Schauspieler war, der nebenbei noch eine Taverne betrieb.
Sortiris war legendär. „Wohin gehen wir heute?“ – „Zu Sortiris!“ Nur ob man da einen Platz bekam, war die Frage, die Taverne war zu ihren besten Zeiten fast immer voll. Irgendwann übernahm ein Freund des Schauspielers den Laden, die alten Stammgäste bekamen Kinder und gingen anderswohin. Aber innen sah es mit den Musikinstrumenten an der Wand noch immer genauso aus.
Ein Schieben und Quetschen
Ganz hinten in der Reihe, in einem separaten Gebäude vor der Einfahrt zum Supermarkt, residierte „Mamma Mia“. In das Restaurant passten viel mehr Menschen rein, als man von außen vermutet hätte. Beim Hereinkommen beschlug im Winter sofort die Brille, die Luft war stickig, und es ging hoch her. Ein Schieben und Quetschen, Bedienungen rannten, Kleinkinder quengelten, Pizzas wurden vermisst: „Verdammt, wo ist meine Calzone!“ Es war das reinste Chaos.
Hinter dem Eckgebäude, im Innenhof, waren ein paar Tische aufgebaut als bescheidener Außenbereich für die Gastronomie. Alte Autos standen herum, in einer Flamencoschule klackerten die Absätze, es gab einen Gitarrenladen und das alternative Wohnprojekt Villa Dunkelbunt, dessen Wohnzimmer gleichzeitig eine Bühne war.
Die ganze Ecke war im Grunde ein niedrigschwelliger Bereich, übrig geblieben aus einer anderen Zeit, während im Stadtteil darum herum die Mieten, Läden und Restaurants immer teurer wurden. Dass ein Investor das ganze Gelände kaufte, verwunderte niemand, und als publik wurde, dass der Abriss geplant war, war es ja schon zu spät.
Offenbar stand das gelbe Eckgebäude nicht unter Denkmalschutz, und so hatte man sich irgendwann damit abgefunden, dass der schöne runde Eckbau, der der Straßenkreuzung ihr Gesicht gab, verschwinden würde. Immerhin sollten neue Wohnungen entstehen, Kultur und Gewerbe zurückkehren dürfen, das war doch schon was.
Nach und nach zogen die Mieter*innen aus, wo früher Lichter brannten, wurde es dunkel, die ganze Ecke stand irgendwann leer. Die Fassaden verwitterten, wurden mit Graffiti übersprüht, und es passierte: nichts.
Es gebe Schwierigkeiten, hieß es, mit den Wohnungen an dieser Stelle werde es nichts, der benachbarte Supermarkt habe aus Angst vor Beschwerden die Einwilligung verweigert. Vor knapp zwei Jahren dann die Nachricht, dass die Sparda-Bank das Grundstück gekauft habe, um dort den „Sparda-Campus“ zu errichten. Im Gegenzug sollte die alte Filiale der Bank aus den 1970er Jahren am Bahnhof Altona abgerissen und die Wohnungen dort gebaut werden.
Die Besonderheit
Unter den Brachflächen, die in Hamburg leer stehen, ist diese Ecke in Ottensen eine der kleineren. Sie ist aber bestens einsehbar, deswegen ist das Nichts an dieser Stelle deutlich zu spüren.
Die Zielgruppe
Menschen, die schon länger im Stadtteil wohnen und Stammgäste in den Restaurants waren, die hier einmal standen. Liebhaber*innen des Flamenco, die im Hinterhof Unterricht hatten. Und Baustatiker, die darüber rätseln können, wann das übriggebliebene Haus auf der Fläche von selbst einstürzt.
Hindernisse auf dem Weg
Wegen der vielen krummen Straßen ist es für Ortsunkundige nicht einfach, sich in der Gegend zu orientieren. Einfach nach der „Fabrik“ fragen, die kennen die meisten, weil dort oft Konzerte stattfinden.
Maximal mögliche Geschossfläche
Von einer Win-win-Situation sprachen die Grünen und die CDU, die im Bezirk Altona regieren. In der Presse kursierte ein Foto, das den Hamburger Chef der Sparda-Bank vor dem alten gelben Eckgebäude zeigt, wie er die Pläne für den Neubau hochhält, der an dieser Stelle in den Himmel wachsen soll und darauf ausgelegt ist, die maximal mögliche Geschossfläche unterzubringen.
Die Pläne sind noch die vom alten Investor, nur dass jetzt an der Ecke nicht einmal mehr Wohnungen sein werden, sondern ein Geldinstitut. Von der Rückkehr von Kultur und Gastronomie ist keine Rede mehr. Die Spuren der ehemaligen Mieter*innen haben sich verwischt. Die meisten haben wohl aufgehört, manche irren noch herum auf der Suche nach günstigen Räumen.
Anfang des Jahres sollten die Bauarbeiten beginnen. Bisher sieht es nicht danach aus, aber irgendwann wird es schon passieren. Bis dahin pfeift über die Brache der Wind.
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