der anstoß: Eine Lehrerin weicht das Kastensystem auf
Als Savitribai Phule sich 1848 ihren Weg durch den Trubel der indischen Stadt Pune zu einem unscheinbaren Gebäude bahnt, trägt sie zwei Saris. Nicht, weil es kalt ist, sondern weil sie sich vor den Steinen und dem Schlamm, mit denen die orthodoxen Konservativen sie bewerfen, schützt. Doch die Anfeindungen können ihre Entschlossenheit nicht brechen. Kurze Zeit später kommt sie an der ersten Mädchenschule Indiens an, zieht den dreckigen Sari aus und steht vor einer Klasse junger Mädchen. Savitribai Phule ist Indiens erste Lehrerin.
Damit bricht sie mit einem System, das Bildung als nur den höheren Kasten vorbehaltenes Privileg ansieht. Neben dem Kastensystem zementieren auch religiöse und patriarchale Strukturen die Ungleichheit in der indischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Früh werden junge Mädchen verheiratet und noch früher auf ein Leben als Hausfrau vorbereitet.
Auch Savitribai Phule wird mit neun Jahren zwangsverheiratet, hat keinen Zugang zu Bildung. Ihr Mann lehrt sie später das Lesen und Schreiben. Zusammen mit ihm errichtet sie insgesamt 18 Schulen für vom Bildungssystem ausgeschlossene Kinder sowie Schutzräume für Witwen und Opfer von Vergewaltigungen.
Durch ihre Publikationen und ihren unermüdlichen Willen finden Phules Vorstöße schnell Verbreitung. Sie lehnt die Kinderheirat ab und spricht sich für die Rechte der vielfach diskriminierten unteren Kasten aus. Ein einfaches Beispiel beweist eindrücklich, wie weit sie ihrer Zeit voraus war: Um die Unterernährung zu verringern, beginnen Savitribai Phule und ihr Mann Gesundheitsversorgung an ihren Schulen bereitzustellen. 145 Jahre später beschließt die indische Regierung das flächendeckende Mittagsmahlzeitenprogramm für Schüler*innen.
Zwar förderte die britische Kolonialherrschaft in Indien einen modernen Bildungsweg, allerdings war auch dieser elitär ausgerichtet und zielte auf die Ausbildung von indischen Beamt*innen ab. Phule hingegen betonte, dass Bildung mehr sei als der Erwerb von Schreib- und Lesekompetenzen – sie ermächtige junge Frauen, den gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben. Ihre Bildungsphilosophie stieß soziale Bewegungen an und inspirierte Generationen von Frauen, indem sie die Grenzen für Frauenrechte und Chancengleichheit für Mädchen in allen Bereichen überschritt.
Sie stirbt am 10. März 1897 an der Beulenpest, die sie sich bei der Pflege infizierter Patienten in einer Klinik zugezogen hatte. Mit ihrer egalitären und feministischen Vision schuf sie allerdings ein Lebenswerk, das weit über ihren Tod hinaus wirkt.
Trotz verfassungsrechtlicher Fortschritte ist das heutige Indien noch immer durch eine starke Geschlechterungleichheit geprägt. Unterrepräsentation im Parlament und im Berufsleben, häusliche Gewalt und eingeschränkter Zugang zur Bildung: Im Gender Inequality Index der UN belegt Indien Platz 130. Die indische Nationalheldin gehört damit nicht in die Geschichtsbücher, sondern in die Köpfe der heutigen Reformer.
Luis Bretthauer
Wie beginnt Veränderung? An dieser Stelle erzählen wir jede Woche von einem historischen Moment, der etwas angestoßen hat.
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