piwik no script img

debatteRechter Schneeballeffekt

In Sachsen-Anhalt hält die AfD Zustimmungswerte von 40 Prozent. Kein Wunder, die Nazi-Propaganda der 90er ist nie aus den Köpfen verschwunden

Wo kommen nur die vielen AfD-Fans her? In öffentlichen Debatten bekomme ich oft den Eindruck, der rechtskonservative Backlash falle ganz plötzlich vom Himmel. Allein das Wort „Rechtsruck“ suggeriert eine unvorhersehbare Veränderung. Da wählen die sogenannten unbescholtenen Bürger:innen auf einmal eine Partei, die mit rechten und zum Teil menschenverachtenden Parolen auf Bäuerinnenfang geht.

So will in Sachsen-Anhalt die AfD den Schwangerschaftsabbruch wieder kriminalisieren, und das, wo dies in der DDR bereits 1972 abgeschafft wurde. Behinderte Kinder sollen zukünftig „normal begabte Kinder“ nicht in Integrationsklassen beim Lernen stören und die Regenbogenfahne gehöre an Schulen verboten. Dafür plädieren sie für das tägliche Hissen der Deutschlandfahne an pädagogischen Einrichtungen und „das gemeinsame Singen der Nationalhymne im Kreise der gesamten Schüler- und Lehrerschaft“ bei Feierlichkeiten. Außerdem will die AfD die Antifa zur Terrorvereinigung erklären, Gelder für „linksextreme Vereine“ streichen und „pervers-linke Agitation“ beenden. Und mit diesen nationalistischen, frauenfeindlichen und extrem konservativen Wahlversprechen erhält sie Prognosewerte von 40 Prozent.

Auch wenn es gruselig ist, überrascht mich das wenig. Denn ich stamme aus einem beschaulichen Dorf in Sachsen-Anhalt, am Rande des Harzes. Vor über 15 Jahren verließ ich das Landleben für die Großstadt Berlin. Ganz hinter mir lassen kann ich weder meine Ostbiografie noch meine Erfahrungen. Trotz meiner queeren und linken Bubble finden sich in meinem erweiterten Bekanntenkreis heute unzählige Leute mit einem Faible für Rechtspopulisten – die Bedrohung rückt immer näher.

Da ist zum Beispiel eine links denkende Freundin, deren alleinerziehende Mutter einst bei der SPD aktiv war und plötzlich in der Rente rechte Parolen wiederholt. Eine andere engagierte Freundin macht sich Sorgen, wo wohl ihre konservativen Brüder mit einer gewissen Nähe zur Bundeswehr ihr Kreuz setzen werden.

Und da sind all die alten Klassenkamerad:innen von der Realschule, mit denen ich einst Schulbank und Freundschaften teilte und die irgendwann auf dem Weg ins Erwachsenenleben scharf rechts abbogen, während ich immer auf der Seite des Antifaschismus stand.

Da wird heute groß „Ostfront“ und Hetze gegen Geflüchtete gepostet, Corona geleugnet und Diskussionen um Tempolimit, Heizungsgesetz und Klimawandel als Beschneidung der eigenen Freiheit postuliert. Die Liste meiner Facebook-Blockaden ist lang.

Für mich steht fest: Ein Großteil der AfD-Anhänger:innen war nie „unbescholten“. Nur haben sie es sich in den letzten Jahrzehnten bequem eingerichtet. Ich habe die Gewalt der späten Baseballschlägerjahre erlebt – mich rechten Parolen widersetzt. In meiner Gegend gab es Dörfer, die konnte und wollte ich nicht betreten, weil dort gewaltbereite Faschos die Mehrheit hatten.

Es gab Dorffeste, da wurden lauthals Hitler-Lieder gesungen, während die Anwohner:innen fröhlich mitschunkelten, und vor einer Grufti-Disko lauerten regelmäßig Schlägerhorden den Feiernden auf. Was wurde wohl aus den Baseballschlägertrupps dieser Zeit, die im Übrigen nicht nur aus Männern bestanden?

Damals tat man das als jugendliche Subkultur ab, als ein unschönes Problem im Osten. Dabei nutzten rechte Kameradschaften und Parteien den Mauerfall blitzschnell, um ihre Propagandamaterialien an Jugendeinrichtungen und sogar an Schulen zu verteilen. Und die desorientierten Teenager:innen, mit ihren arbeitslos gewordenen Eltern, fielen darauf rein, während die Erwachsenen wegschauten.

Polizei, Gerichte, Medien, Politik und Eltern begriffen lange nicht das Ausmaß der Gewalt in Ost – und West. Man denke nur an NSU und Rostock-Lichtenhagen. Heute sind die einst gewaltbereiten Neonazis, wie ich, Ü40. Sie haben es sich größtenteils in ihrem kleinbürgerlichen Alltag eingerichtet, Familien gegründet, Ausbildungen absolviert, Berufe ergriffen oder Unternehmen geschaffen.

So wird der Webshop für die Kampagnen von Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund von einem ausgewiesenen Rechtsextremisten betrieben. Torsten G. wird vom Verfassungsschutz als einer „der zentralen Akteure der rechtsextremen Szene“ zugeordnet. Er war bei der Jugendorganisation der NPD aktiv und wechselte später zur Identitären Bewegung (IB). Sein Unternehmen betreibt einen bekannten Szeneshop, der rechtsextreme Aufkleber und Bücher verkauft.

Und das ist kein reines Ost-Problem! Walter Lübcke, Kassler CDU-Politiker, wurde 2019 von einem mehrfach vorbestraften Neonazi ermordet, der viele Jahre unauffällig in seinem Einfamilienhaus mit Frau und Kindern lebte. Aber im Osten wurden die sogenannten „Wendejahre“ und der Biografiebruch vieler Ostdeutscher nie aufgearbeitet.

Es gab Dorffeste, da wurden lauthals Hitler-Lieder gesungen, während die An­woh­ne­r:in­nen fröhlich mitschunkelten

Gerade für meine Generation – die Kinder und Jugendlichen der 90er Jahre – bedeutete der Mauerfall eine Identitätssuche unter außergewöhnlichen Umständen. Wer damals früh intensive Kontakte mit rechter Gehirnwäsche bekam, legt dieses Mindset so schnell nicht wieder ab.

Ganz sicher sind die 40 Prozent Wählerschaft der AfD nicht alles Schläger:innen von damals! Aber sie sind es eben auch, die hier eine lang ersehnte „Heimat“ für ihr menschenverachtendes Weltbild finden. Und ist einmal eine kritische Masse erreicht, läuft das Schneeballprinzip unbegrenzt weiter. Deshalb müssen wir dringend die Zeit der „Baseballschlägerjahre“ aufarbeiten, damit nicht noch eine Generation verloren geht.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen