crime scene: Wenn das Leben zu lang dauert
Zuerst lernen wir Louis kennen, der sich mit seiner Freundin über der Frage zerstreitet, auf welche Art man sich bestatten lassen sollte, wenn es so weit ist. Louis hadert eh gerade mit dem Tod, der schon Freunde in seinem Alter geholt hat, was ungerecht ist, da es so viele alte Menschen auf der Welt gibt, die immer noch ihr elendes Leben leben. In diesem Gedanken liegt der Keim zu allem, was danach geschieht; und zwar auf beiden Erzählebenen. Louis – der in der übernächsten Szene seine Mutter umbringen wird, um an ihr Geld zu kommen – existiert nämlich gar nicht wirklich. Es gibt ihn nur auf dem Papier, das der eigentliche Ich-Erzähler auf seiner Schreibmaschine vollschreibt.
Allein an der wiederholten Thematisierung dieses aus heutiger Sicht völlig antiquierten Geräts lässt sich erkennen, dass dieser Roman bereits vor etlichen Jahrzehnten verfasst wurde. Sein Autor lebte von 1949 bis 2010. Und es ist erstaunlich, dass sich mit dem Wiener Septime Verlag erst jetzt ein deutschsprachiger Verlag umfassend des Werks von Pascal Garnier annimmt. „Die Eskimo-Lösung“ ist der fünfte Garnier-Band, der seit 2023 bei Septime erschienen ist – fünfter in einer Reihe schmaler, fast novellenhafter Romane, die man aufgrund ihres Kreisens um menschliche Abgründe als Thriller bezeichnen könnte, wenn man sie denn irgendwo einordnen möchte.
Der namenlose Ich-Erzähler der „Eskimo-Lösung“ ist Schriftsteller und hat ein fremdes Häuschen gemietet, um in Ruhe zu schreiben, aber dazwischen passieren Dinge. Unter anderem taucht überraschend die 16-jährige Tochter seiner Lebensgefährtin bei ihm auf, die gerade mit ihrer Mutter über Kreuz liegt. Und während der Erzähler gleichsam zwangsläufig, als hätten Männer gar keine Selbstbeherrschung, in eine sexuelle Beziehung mit der Teenagerin schlittert, lässt der Protagonist seines im Entstehen begriffenen Romans gleichzeitig seiner Altenfeindlichkeit freien Lauf und begeht nach der gelungenen Beseitigung der eigenen Mutter weitere Morde. (Seiner Verlegerin erklärt der Erzähler die Romanidee so: „Er bringt die Eltern seiner Freunde um, so wie die Eskimos ihre Alten auf eine Eisscholle setzen und dort sich selbst überlassen …).
Denn es gibt unter Louis’ Bekannten einige, denen es, wie er findet, mit dem Geld ihrer allzu langlebigen Eltern deutlich besser ginge. Eigentlich will er also im Geheimen Gutes tun für Menschen, deren Leben noch etwas wert ist.
Der Ich-Erzähler derweil – und es fällt bei der Lektüre gar nicht immer leicht, den einen vom anderen Protagonisten zu unterscheiden, obwohl das Schriftbild stets zuverlässig den Wechsel der Erzählebene anzeigt – hantiert erfolglos am eigenen moralischen Kompass herum. Und fast als hätte er den Tod herbeigeschrieben, wird sein Leben von diesem auf einmal in verschiedenen Varianten berührt: Eine Person stirbt an einer Krankheit, eine andere an Altersschwäche, und dann geschieht tatsächlich ein Mord, wenngleich fast aus Versehen. Die Romanfigur Louis wiederum beginnt eine Liebesbeziehung zu einer alten Frau, einer pensionierten Lehrerin, was eine einigermaßen seltsame Wendung in seiner Geschichte ist – und vielleicht das unbewusste Bedürfnis des Erzählers widerspiegelt, seinen eigenen Teenagerfehltritt zu kompensieren?
Schwer zu sagen. Einerseits ist es definitiv so, dass sich in diesem finsteren kleinen Roman Leben und Literatur ineinander spiegeln, andererseits lässt sich nicht konkret der Finger auf Stellen legen, an denen es passiert. Unauflöslich verbunden sind Louis und sein fiktiver Autor in ihrem Nihilismus.
Am Ende holt den einen Protagonisten eine fiktive Moral ein; aber was holt den anderen? Das alles ist sehr, sehr böse und gleichzeitig von einer sehr, sehr seltsamen Komik. Und nur weil es gleichzeitig gnadenlos gut geschrieben ist, ist es überhaupt auszuhalten.
Pascal Garnier: „Die Eskimo-Lösung“. Aus dem Französischen von Felix Mayer. Septime Verlag, Wien 2025. 144 Seiten, 20 Euro
Katharina Granzin
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