buchmessern (2): Wer schreibt die besten Sexszenen?

Darüber redet man am Rand der Buchpreisverleihung - Sex, die Zukunft der Literaturkritik und die Zukunft mancher Literaturkritiker.

Gottfried Honnefelder ist ein honoriger Mann. Trotzdem hört dem Vorstand des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels kaum jemand zu, wenn er öffentlich spricht. Vielleicht weil das, was er sagt, nicht recht in die Schemata passt, mit denen man sonst über Literatur redet?

Alle tragenden intellektuellen Erzählungen der alten Bundesrepublik waren Verfallsgeschichten. Von Adornos "Minima Moralia" bis zu Habermas' "Strukturwandel der Öffentlichkeit" - die Analyse, dass die bürgerliche Öffentlichkeit zerfällt, liegt ihnen zugrunde. In den gegenwärtigen Vorwürfen von Boulevardisierung und Lesekulturverfall zittert das nach. Honnefelder aber, britisch geprägt, erzählt Erfolgsgeschichten. Im Rahmen der Buchpreisverleihung sagte er, der deutsche Roman sei "lebendiger denn je". Er meinte auch, über Literatur werde "mehr gesprochen denn je". Während üblicherweise also alles immer den Bach runtergeht, wird bei Honnefelder alles immer besser.

Es ist leicht, sich darüber ein bisschen lustig zu machen. Zwei bedenkenswerte Punkte aber spricht Gottfried Honnefelder an. Zum einen denkt er, wie sich literarische Öffentlichkeit herstellt: durch Reden. Wo geredet wird, ist Öffentlichkeit, so pragmatisch, so einfach. In diesem Zusammenhang sieht Honnefelder auch das Verfahren des Buchpreises, das mit Longlist, Shortlist, Preisträger und Jurybesetzung viele Anlässe zum Darüberreden bietet. Zum anderen spielt er keine literaturkritischen Formen gegeneinander aus; vom Feuilletonaufmacher bis zum 30-Sekunden-Clip in einer Talkshow - alles ein "breit entwickeltes Feld", um Wissen über Bücher zu vermitteln. Letztlich vertraut Honnefelder dabei auf die Urteilsfähigkeit des Lesepublikums, und das ist man hierzulande wirklich nicht gewohnt. Nach dem Buchpreis meinten viele, Uwe Tellkamps "Der Turm" werde nun sicherlich viel gekauft, allein schon aufgrund seiner Dicke wohl aber kaum ganz gelesen werden. Spätestens bei solchem Generalverdacht kann einem der optimistische Honnefelder ganz sympathisch werden.

Wie sich der allgemeine Strukturwandel konkret umsetzt, darüber wird es auf dieser Messe viel zu reden geben. Dass Ex-taz-Redakteur Jörg Magenau nach Sigrid Löfflers Abgang neuer Redakteur bei Literaturen wird, spricht eher nicht für Boulevardisierung. Dass der Aufbau-Verlag einen Käufer gefunden hat, spricht erst mal nicht für Verfall (mal abwarten, wie sich der Neuverleger so macht). Dass bei der Zeit offenbar heftig zwischen Florian Illies und Ulrich Greiner um die Gestaltung von Literaturkritik gerungen wird, ist auch ein Thema. Und wofür der Schritt steht, Felicitas von Lovenberg als neue Literaturchefin der FAZ zu installieren, weiß so recht noch niemand. Interessant ist aber schon mal, dass Karrieren in der Literaturkritik derzeit eher anhand von Überlegungen laufen, wie man Literatur am besten vermittelt, nicht darüber, wer welche Idee von Literatur hat.

Dabei kann man über Letzteres auch prima streiten. Die Lieblingsdebatte beim Empfang nach der Buchpreisverleihung ging zum Beispiel um die Frage, ob Dietmar Daths Roman "Abschaffung der Arten" - der den Buchpreis gekriegt hätte, hätte es keinen Tellkamp gegeben - ein Frauenbuch sei. Auffällig ist jedenfalls, dass alle weiblichen Rezensenten ihn feiern, während alle männlichen ihn langweilig finden. Kann ja aber auch Zufall sein. Auf jeden Fall scheint Dath endgültig aus der nerdigen Jungsecke herausgefunden zu haben. Eine Kritikerin meinte sogar: Der schreibt die besten Sexszenen. Wer Dath bislang mit Diskurs und Kommunismus assoziierte, kann da nur staunen.

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