berliner szenen: Die Perle von Friedenau
Im Schaufenster stehen verblichene Schultüten vom letzten Jahr. Länger schon blieb das Rollgitter vor der Tür unten. Daran klebt jetzt eine Karte, ein letzter Gruß an die „Perle von Friedenau“, dazu Blumen und eine Kerze. Ich befürchtete, dass der Schreibwarenladen nicht wieder öffnen würde. Dass die Inhaberin nun verstorben ist, macht den Jammer nur größer.
Für so gut wie jedes Geschenk fand sie, damit das Ganze noch als Brief in die Post ging, den passenden Umschlag, der selbstverständlich einzeln erhältlich war. Wenn ich eine Mappe, „Aber nix zum Abheften“, brauchte, fischte sie genau die mir vorschwebende Form von praktisch aus den überladenen Regalen. Auf der beengten Verkaufsfläche von ca. 20 qm war das Sortiment über Jahrzehnte gewachsen. Von Stickern zu Glückwunsch- und Karteikarten, von Luftballons zu Heftzwecken, von Malblöcken zu Filz- und Buntstiften, sie hatte das, was man suchte. Nur für spezielle Füllerpatronen sollte ich einmal morgen wiederkommen. Sie waren fortan immer verfügbar. Ein Nachbar sagt, „Sie war vierschrötig.“ Kann sein. Ihr Geist wird fehlen. Selbst die Mittagsruhe von 13–14 Uhr stand für gute alte Zeiten. In denen ich damals wöchentlich im Kasten mit den Oblaten – so hießen Glanzbilder früher –nach neuen Blumenmotiven schaute. Und hatte ich mich verschrieben, brauchte es ein neues Heft.
Ich fantasiere, ich könnte den Laden übernehmen und modernisiere sogleich. Als erstes verschwinden Kalender und Gedöns von der Türinnenseite. Für den freien Blick wird auch das Schaufenster aufgelöst. Die Mittelraumgondel muss schmaler sein, der Tresen mit der Kasse frei, der Fußbodenbelag neu. Ich werde ausmisten und aufräumen. Müssten dafür auch alle Garfields gehen? Plötzlich sehe mich ich in einer Papierboutique. Die vermisse ich aber hier gar nicht.
Silke Mohr
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