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berliner szenenDas Geräusch der Freiheit

Bei Kaufland vor dem Pfandautomaten. Vor mir: ein junger Typ mit Kopfhörern. Vor ihm: eine kleine Frau mittleren Alters mit einem Hackenporsche voller leerer Flaschen. Sie nimmt sich Zeit. Für jede einzelne.

Sie schaut die Flasche an, dreht sie, als prüfe sie Herkunft, Jahrgang, Lottozahlen – und wirft sie dann mit einer gewissen Feierlichkeit in den Schlund des Automaten. Klack. Klirr. Summ. Dann die nächste. Wieder dieser prüfende Blick, ein kurzes Nicken, als hätte sie etwas Wichtiges festgestellt, und dann erst rein damit.

Der Typ dreht sich extra zu mir um und rollt die Augen. Ich nicke zustimmend. Auch ich werde langsam ungeduldig. Es dauert.

Und mit einem Mal spricht sie uns an. Ohne sich umzudrehen.„Ich hab mit dem Trinken aufgehört. Hab’s meinem Sohn versprochen.“

Stille. Nur die Geräusche des Automaten, der gerade eine Bierflasche verarbeitet. „Das hier ist mein Abschied“, sagt sie hinterher.

Der junge Mann zieht langsam die Kopfhörer ab. Aber er sagt nichts. Ich sage auch nichts. Die Frau stibitzt die nächste Flasche aus der Tasche, hält sie noch einen Moment in der Hand.

Dann dreht sie sich halb zu uns um. „Hört ihr das nicht?“, fragt sie. „Der Automat. Wie er summt. Wie er knattert. Das ist mein persönlicher Applaus.“ Sie lächelt schief, offenbart nur wenige Zähne. Dann streckt sie sich wieder, wirft die nächste Flasche ein. Und der Automat macht das, was er immer tut: Er beginnt zu ruckeln, zu piepen, zu rattern – zu applaudieren. Ja, jetzt kann ich es auch hören. Als befände sich dahinter kein Getränkelager, sondern ein voller Festsaal, der in Ovationen ausbricht. Ich bin fast so weit, ebenfalls in den Applaus einzusteigen, da ist die Show jäh zu Ende. Die Frau löst den Bon und verlässt den Ort, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Lars Widmann