: Zwischen Diktatorentochter und Castillo-Erbe
Bei der Stichwahl am 7. Juni müssen 71 Prozent der Peruaner:innen für jemanden stimmen, den sie nie gewählt hätten. Ein Land in der Zwickmühle
Von Hildegard Willer
Am 7. Juni werden die Peruaner*innen entscheiden, ob Keiko Fujimori oder Roberto Sánchez ihr Land regieren wird. Es ist eine Neuauflage der Wahlen von 2021. Damals standen sich der linke Dorfschullehrer Pedro Castillo und die Diktatorentochter Keiko Fujimori gegenüber. Castillo gewann knapp und regierte mehr schlecht als recht eineinhalb Jahre, bevor er nach einem Putschversuch vom Kongress abgesetzt wurde. Seitdem verbüßt Castillo eine Gefängnisstrafe.
Roberto Sánchez war Abgeordneter und Außenhandelsminister unter Castillo. Mit dem Segen Castillos und dessen Bauernhut versehen, sammelte er – obwohl selbst Städter von der Küste – die Stimmen im indigen geprägten Süden Perus ein, wo Castillo seine Hauptbasis hat.
Fujimoris Basis ist das städtische Peru an der Küste und im Amazonasgebiet. Sie steht in der Tradition ihres Vaters Alberto Fujimori, der 1993 den Neoliberalismus in der peruanischen Verfassung verankerte.
Sánchez möchte die staatliche Kontrolle über die Rohstoffe – Perus wichtigste Einnahmequelle – zurückgewinnen, höhere Unternehmenssteuern und eine neue Verfassung schreiben lassen. Als erste Amtshandlung will er jedoch Pedro Castillo freisprechen.
Da im ersten Wahlgang 36 Kandidaten antraten, reichten Fujimori und Sanchez zusammen 29 Prozent aller Stimmen, um in die Stichwahl zu kommen. Die anderen 71 Prozent der wahlberechtigten Peruaner*innen müssen sich jetzt also für einen Kandidaten entscheiden, den sie unter anderen Umständen nicht wählen würden.
Fujimori hat zwar eingefleischte Anhänger, selbst in städtischen Armenvierteln, aber auch erbitterte Gegner bis ins bürgerliche Lager. All jene, die die Menschenrechtsverletzungen, Korruption und Gleichschaltung der Institutionen unter Alberto Fujimori nicht vergessen haben.
Sánchez entfacht außerhalb seiner Stammwählerschaft – anders als Castillo 2021 – keine große Begeisterung. Zu erratisch war die kurze Regierung Castillos und zu traumatisch die letzten vier Jahre unter seinen Nachfolgern: Ein Massaker von Polizei und Armee an 50 Demonstranten, der Vormarsch der organisierten Kriminalität, drei Präsidentenwechsel mit den dazugehörigen Personalrotationen in den Ministerien, die Zerstörung weiter Landstriche durch illegale Goldgräber und Holzfäller.
Trotz Wirtschaftswachstum dank Rohstoffboom sind die Armutszahlen in Peru zuletzt weiter angestiegen. Was das Land noch zusammenhält, ist eine funktionierende Makroökonomie: Während Peru in den letzten 10 Jahren 8 Präsidenten hatte, sorgt seit 20 Jahren derselbe Chef der Notenbank für einen stabilen Dollarkurs, eine niedrige Inflation und die Anhäufung von Devisenreserven.
Die Kräfteverhältnisse im neu gewählten Kongress und Senat bilden die Polarisierung der peruanischen Bevölkerung ab: Keine der Fraktionen hat eine absolute Mehrheit, aber Fujimori stellt die meisten Volksvertreter und kann jegliche Reformvorhaben blockieren. In den letzten beiden Legislaturperioden hat ihre Fraktion – obwohl sie nicht den Präsidenten stellte – im Verbund mit wechselnden Koalitionen, die jeweiligen Präsidenten nach Belieben ab- und eingesetzt und Justiz und Staat mit parteinahen Leuten besetzt. Dasselbe Schicksal, Blockade oder sogar Absetzung durch Kongress und Senat, würde wohl einem Präsidenten Sánchez blühen, der linke Reformen durchsetzen möchte.
Sowohl Fujimori als auch Sanchez müssen nun die Mehrheit der Peruaner, die sie nicht gewählt haben, davon überzeugen, dass sie nicht die Politik machen werden, für die sie von ihrer jeweiligen Basis gewählt worden sind.
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