Zuversicht im Krankenhaus: Was Intimes, fast wie ein Geheimnis, aber warum?
Unsere Kolumnistin war im Krankenhaus, sie wurde operiert. Nach der Operation einen guten Kaffee zu bekommen, sagt sie, ist einfach was Wunderbares.
E in neues Jahr, ein neuer Anfang, ich war im Krankenhaus, wurde operiert, ich habe Brustkrebs. Schnee und Eis in Hamburg, und im Krankenhaus ging die Klimaanlage kaputt, Winter im OP. Ganz früh war ich da, um sechs Uhr schon, dann musste ich warten und später wurde alles irgendwie geregelt. Andere Räume, Improvisation und freundliche Zuversicht.
Ich habe darüber nachgedacht, ob ich hier jetzt einfach schreiben kann, ich habe Brustkrebs. Das scheint eine intime Sache zu sein, fast so etwas wie ein Geheimnis, aber warum? Wie ich jetzt weiß, bekommt ungefähr jede achte Frau in diesem Land Brustkrebs, und wenn man das dann selbst hat, dann merkt man, dass man nicht der Brustkrebs sein will, aber man will auch nicht so tun, als wäre das etwas, das man besser geheimhalten sollte. Soll man sich denn dafür schämen? Irgendwas ist da, dass man so ein Gefühl hat, man sollte das, was man natürlich dann sofort von sich wegschiebt, aber so ein Gefühl kommt ja nicht von ungefähr, das wurde einem ja eingepflanzt.
Wir sollen alle möglichst fit und gesund sein, und sind wir es nicht, dann sollen wir wenigstens so tun, als wären wir es. Eine seltsame und dumme Sache ist das und überhaupt nicht hilfreich und nicht einmal gesund.
Jetzt zum Schönen, und es geht ja hier auch um Geschenke: Ich war hier in Hamburg im Krankenhaus Jerusalem, ich kann den Namen ruhig nennen, denn es gibt nur Gutes darüber zu sagen. Es war früh am Morgen, draußen Eis und Schnee, und ich wartete darauf, operiert zu werden. Hilflos ist man, ausgeliefert, in irgendwelchen Händen, auf die man gerne vertrauen möchte. Und das tat ich, ich vertraute. Ich schrieb es schon, eine fröhliche Zuversicht erreichte mich, die richtigen Worte, eine warme Berührung. Ich war selbst fröhlich, ich lag fröhlich da, lächelte und wartete darauf, dass der Krebs aus mir rausgeschnitten werden würde.
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Dann kam ich auf ein Zimmer, und da waren noch zwei andere Frauen, später am Abend kam eine Dritte dazu. Hätte ich mir vorher ein Einzelzimmer gewünscht? Ich weiß es nicht, aber als es dann so war, habe ich mir kein Einzelzimmer gewünscht.
Eine Frau kam aus der Ukraine, eine aus Pakistan. Wir hatten alle Schläuche in unseren Brüsten, und es war eine große Freundlichkeit in diesem Zimmer. Es war mehr als Freundlichkeit, es war so eine Sonne, die da schien. Draußen, auf dem Dach des Innenhofes, das direkt hinter unserem Fenster lag, eine weiße, unberührte Schneedecke. Wenn wir das Fenster öffneten, kam die frostige Kälte herein, und das war gut, denn die Luft war stickig, es war sehr warm in diesem Zimmer. Und die Ukrainerin sagte, der Krebs wäre wahrscheinlich wegen der Umstände zu ihr zurückgekehrt, und sie meinte den Krieg.
Ich versuchte, mir vorzustellen, wie es mir ginge, wenn bei mir zu Hause Krieg wäre, und wenn dann mein Krebs zurückgekehrt wäre, und ich dachte, es ist alles sehr viel, und ich sah, wie freundlich sie war, wie sie mich immer anlächelte und ich lächelte auch und holte Kaffee. Der Kaffee war gut. Wenn man operiert wird und kriegt dann gleich anschließend einen großen Becher Kaffee, das ist einfach was Wunderbares.
Also, was ich sagen will, ich war glücklich in diesem Zimmer, mit den beiden Frauen, die beide so fröhlich, so unglaublich lieb und dankbar waren, dass auch ich so war, fröhlich und lieb und dankbar. Ich denke nicht, dass ich in einem Einzelzimmer besser aufgehoben gewesen wäre, ich denke, das gilt, in einem größeren Sinne, für uns alle.
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