Zukunft der Bildungsreisen: Der Frieden von morgen wird mit Urlaub gemacht
Mehr Reisen, weniger Krieg, mehr Kreuzfahrtenschiffe, weniger Kampfbomber. So sieht es der zeitreisende Freund unserer Kolumnistin.
M eine Kinder hüpfen aufgeregt durch die Wohnung, weil wir morgen in den Urlaub fahren. Eine Woche Adria, Halbpension mit Hotel direkt am Strand, zwei Pools, Kinderbetreuung und Cocktail-Flatrate – so stellen sich die Deutschen das Paradies vor.
Mein zeitreisender Freund Felix aus dem Jahr 2125 schaut uns beim Packen zu und nuckelt an einem Pfirsich-Himbeer-Spritz aus der Dose, den ich beim Discounter im Summer Sale gekauft habe.
„Bist du diesen Sommer wieder als Urlaubsverderber unterwegs?“, frage ich und quetsche das letzte T-Shirt in den Koffer.
„Nein, dieses Jahr mache ich eine Grand Tour durch Europa.“
„Oh wow, so eine richtige Bildungsreise wie Goethe im 18. Jahrhundert?“
„So ähnlich. Damals konnten es sich ja nur Adlige oder reiche Bürger leisten, durch Europa zu reisen. Bei uns ist das eher die Norm als die Ausnahme. Unser Arbeitsleben funktioniert ja etwas anders als noch bei euch. Wir arbeiten nur 20 Stunden in der Woche, und unsere Work-Life-Balance ist stärker auf Gemeinschaft, soziales Engagement und Nachhaltigkeit ausgerichtet als auf Profit. Bullshit-Jobs, die nach monatelanger sinnloser Schufterei das Bedürfnis auslösen, zwei Wochen komasaufend in irgendeinem Strandhotel zu verbringen, gibt es nur noch wenige. Die meisten Leute möchten in ihrer Freizeit raus aus dem Alltag, etwas erleben, Erinnerungen schaffen, die das Leben bereichern. Bei uns boomen die internationalen Austauschurlaube und Grand Tours; liegt sicher auch daran, dass sie staatlich gefördert werden.
„Wie? Der Staat zahlt deinen Urlaub?“
„Nicht der Staat. Ein UNO-Programm für Positive Peace. Nichts verursacht so hohe Kosten wie Rüstung, Krieg und Wiederaufbau. Deshalb ruft die UNO im Jahr 2034 ein umfassendes Programm für Völkerverständigung durch Reisen ins Leben. Allein 2024 haben Kriege weltweit mindestens 2.446 Dollar pro Person gekostet. Stell dir vor, du könntest für diese Summe jedes Jahr Bildungsreisen machen, die dich in unterschiedliche Regionen führen, in denen du Kunst, Kultur, Sprache, Land und Leute kennenlernst. Die Wahrscheinlichkeit, dass du diesen Menschen im Anschluss feindlich gesinnt bist und eine Partei unterstützt, die einen Militärschlag gegen ihr Land plant, sinkt dramatisch. Deshalb ist das UNO-Programm so aufgebaut, dass jedes Jahr ein Teil der ursprünglichen Rüstungsausgaben in ein Positive-Peace-Budget umgewandelt wird, mit dem die Menschen auf Reisen geschickt werden. Und während das Militärbudget sinkt, steigt das Positive-Peace-Budget um den gleichen Betrag. Mittlerweile sind wir bei 10 Prozent Rüstung und 90 Prozent Reisekosten angelangt, und der Global-Peace-Index ist so gut wie nie.“
„Klingt super. Aber was sagt die Rüstungslobby dazu? Krieg ist gut fürs Geschäft.“
„Synergieeffekte lauern dort, wo du sie nicht vermutest. Zu den größten Rüstungsunternehmen der Welt zählen zum Beispiel Boeing und Airbus. Und was produzieren die noch?“
„Flugzeuge?“
„Exakt. Die Unternehmen passen ihr Angebot natürlich an. Statt Kampfbomber und Schlachtschiffe gibt’s bloß noch Passagierflugzeuge und Kreuzfahrten – emissionsfrei natürlich. Außerdem Abenteuerreisen, Campingausrüstung, ortskundige Tourguides und eine unschlagbare Reise-Logistik: 2125 bietet niemand bessere Bildungsreisen an als Rheinmetall und Co.“
Theresa Hannig, 41, ist Science-Fiction-Autorin, Politikwissenschaftlerin, Grünen-Stadträtin und ehemalige Softwareentwicklerin.
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