: Zu viele Penisse
Peter Lenks S-21-Denkmal vor dem Stuttgarter Stadtpalais ist und bleibt ein Publikumsmagnet. Wenn es nach der Stadt geht, noch drei Monate länger als geplant. Dann soll der schwäbische Laokoon weg. Das stößt auf Widerstand.
Von Susanne Stiefel↓
Man könnte meinen, der Chef des Stuttgarter Stadtpalais sei zum Lenk-Fan geworden. Feixend lässt sich Torben Giese in einem Youtube-Interview von den Tricks erzählen, mit denen der Künstler vom Bodensee seine frechen Statuen in den öffentlichen Raum schmuggelt: die Mauerkieker in Berlin, den Laubebrunnen in Konstanz oder die Global Player in Ludwigshafen. Aber Obacht: Direkt vor seiner Nase steht schließlich das neueste Werk des Provokateurs Peter Lenk, und das lockt mit nackten Wahrheiten nach wie vor Neugierige vor das Palais an der B14.
Soll die böse Satire auf S 21 also dauerhaft dort stehen bleiben, Herr Giese? So weit will der Mann mit dem Professor-Boerne-Bart dann doch nicht gehen. „Lenk hat den Schalk im Nacken, und Satire hat ihren Platz“, sagt der Museumsdirektor, „aber sicher nicht dauerhaft vor dem Stadtpalais“. Ist schließlich was anderes, ob man mit Lenk über Berlin lacht oder ihn vor der eigenen Haustür stehen hat. Gegen eine kleine Verlängerung bis Juni hingegen hat der 42-Jährige nichts einzuwenden.
Lenks Kunst: direkt und zu vulgär?
Daran arbeitet derzeit der Leiter des Stuttgarter Kulturamts Marc Gegenfurtner. Wegen Corona verzögern sich die Bauarbeiten für eine Verbindung zur Bushaltestelle an der B14, was ihm die Vertragsverlängerung erleichtert. Statt bis Ende März soll die spärlich verhüllte Satire nun bis Ende Juni geduldet werden. Aber keine falschen Hoffnungen, winkt Gegenfurtner ab: „Es bleibt bei der Probeaufstellung.“ Aufgeschoben heiße keineswegs auf Dauer.
Vielen ist Lenks nackte Kunst einen Ticken zu direkt und zu vulgär: zu viele Brüste, zu viele nackte Ärsche. Zu ihnen, die der Spötter aus Bodman gerne als „pietistisches Sittlichkeitskommando“ bezeichnet, gehört auch Torben Giese. Wenn er sieht, dass die Menschen sich vor allem über den Penis des schwäbischen Laokoon amüsieren, kriegt der promovierte Historiker Bauchschmerzen. Nun ist Nacktheit kein Lenksches Alleinstellungsmerkmal. Auch die historische Laokoon-Gruppe oder der Neptunbrunnen in Florenz kommen nicht ohne aus. Weg damit also? Wohl kaum.
„Es geht uns oft auf die Nuss, wie aufgesetzt und produziert so manche Diskursrelevanz in der Kunst ist“, schreiben die Macher des Kunst-Blogs „King Kunst“. Sie halten dagegen. Weil sie die Kunst lieben und nicht den Kunstevent mit Schampus und Wortgeklingel. „King Kunst“, das sind der Autor und Künstler Steen T. Kittl und der Kunsthistoriker und Publizist Christian Saehrendt. Letzterer hat kürzlich den schwäbischen Laokoon als Beispiel für seine Betrachtung über den „erschöpften Mann als ewiges Thema in der Kunst“ entdeckt. „Der grüne Ministerpräsident Kretschmann kämpft bis zur Erschöpfung gegen die Altlast des DB-Projekts Stuttgart 21“, ist unter einem Foto der Skulptur zu lesen. Es weitet den Blick, wenn er nicht am Feigenblatt kleben bleibt.
Es geht bei Lenks satirischen Skulpturen nie nur um Nacktheit. Und beim schwäbischen Laokoon geht es besonders ums Erinnern. An ein Bauprojekt, bei dem sich viele verarscht fühlen und von der Politik enttäuscht wurden. Wo der Protest von der Polizei am Schwarzen Donnerstag weggespritzt wurde und viele schwer verletzt wurden. Das alles ist auf der Statue vorm Stadtpalais zu sehen. Aber darf an ein Projekt, das die Stadt so tief gespalten hat, so satirisch erinnert werden? Darf da bei aller Kritik sogar gelacht werden? Und womöglich sogar über sich selbst?
Wenn das kleine Karo regiert
Davon sind zumindest 1.000 UnterstützerInnen überzeugt, die knapp 150.000 Euro für diese Erinnerungskunst gespendet haben. „Es heißt ja immer, wir sollen aus der Geschichte lernen“, sagt der Schauspieler Walter Sittler, „dazu muss sie aber erfahrbar und sichtbar sein“. Die unrettbare Flickschusterei von S 21 sei das Ergebnis von Rechthaberei, Machtdemonstration, Verblendung und Ignoranz gegenüber physikalischen und fiskalischen Fakten. „Das Lenksche Denkmal erinnert daran, und deshalb muss es in Stuttgart bleiben. Damit sich so was nicht wiederholt.“
Und Veronika Kienzle, die schon für den Standort Stadtpalais gekämpft hat, weiß eines sicher: „Das Kunstwerk soll weder am Bodensee noch in einem Hinterhof verschwinden. Es muss gut sichtbar sein und natürlich in Stuttgart bleiben.“ Dafür will sich die grüne Bezirksbürgermeisterin Mitte auch zukünftig einsetzen.
Eine Antwort des neugekürten OB Frank Nopper, der Stuttgart versöhnen will, steht noch aus. Der hat sich bei der virtuellen Silvestershow im Theaterhaus geoutet als Freund der Kultur, der in seiner Jugend schon mal den Romeo gegeben hat. Vor seinem Amtsantritt wolle er sich nicht äußern, ließ er Kontext wissen. Der frühere Daimler-Chef Edzard Reuter, SPD-Urgestein, Lenk-Freund und S 21-Kritiker, ist weniger zögerlich und hat schon einen dringenden Wunsch an den Kuhn-Nachfolger: „Wenn das kleine Karo im Rathaus regiert, stört ein Lenk“, sagt er, verbunden mit einem souveränen Vorschlag. „Wie fabelhaft wäre es“, empfiehlt Reuter, „wenn der neue Oberbürgermeister von der CDU den Mut hätte, zu sagen: Der Lenk bleibt hier, er steht uns gut“.
Der Meister der lustvollen Provokation ist den Lärm um seine Kunst gewöhnt. Wenn sie einmal steht, wo sie seiner Ansicht nach stehen soll, nämlich dort, wo es wehtut, mischt er sich nicht mehr ein. Zum Vertrag, den er bis Redaktionsschluss noch nicht unterschrieben hat, sagt er nur so viel: „Ich werde Winfried Kretschmann, Landesvater und schwäbischer Laokoon, in Bodman selbstverständlich Asyl gewähren – wenn auch Corona einverstanden ist.“ Bis Ende Juni fließt schließlich noch viel Wasser den Neckar hinunter.
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