piwik no script img

Zerwürfnisse in Hamburgs AfD„Wir haben Leichen im Keller“

In der Hamburger AfD fliegen die Fetzen. Unter anderem geht es um Geld, das Alexander Wolf als Ausgleich für einen verwehrten Posten haben möchte.

A m 18. Januar nutzte der Hamburger AfD-Fraktionsvorsitzende Dirk Nockemann in der aktuellen Stunde der Bürgerschaft die Krawalle an Silvester um pauschal gegen „Westasiaten“ und eine „Eventkultur“ zu wettern, die offenbare: „Die Integrationspolitik einer ganz bestimmten Klientel ist gescheitert. Der Staat wird von ihnen verachtet, seine Vertreter sind Freiwild.“

Dabei sind zuletzt Zweifel daran aufgekommen, ob die AfD an der Elbe selbst diesen Staat und seine Gesetze respektiert. Interna aus und um die Fraktion, die der taz vorliegen, offenbaren ein Klima aus Missachtung und Missgunst, Verachtung und Vertrauensverlusten – und nicht zuletzt einen Untreueverdacht.

In aufgezeichneten Gesprächen heißt es über Fraktionsvize Alexander Wolf, er müsse wegen der internen Konflikte endlich seine Aufgabe wahrnehmen. Die Bitte darum würde jedoch seit Jahren erfolglos verhallen. Wolf selbst habe nichtsdestotrotz um finanziellen Ausgleich gebeten. Der Grund: Absprachen, nach denen Wolf alleiniger Fraktionsvorsitzender werden sollte, wenn der damalige Vorsitzende Jörn Kruse „in die zweite Reihe“ treten würde, wurden nicht eingehalten.

Mit Einführung der Doppelspitze mit Nockemann sei allerdings aus „seinen ursprünglichen Ambitionen“ nichts geworden. Dadurch habe er einen ökonomischen „Schaden“ erlitten – „inklusive Rentenansprüchen“, die nun nicht geltend gemacht werden könnten. Der gewünschte Ausgleich sei Wolf jedoch von „Thorsten“ verweigert worden, heißt es in den Mitschnitten. Mit dem Vornamen dürfte der Fraktionsgeschäftsführer Thorsten Prenzler gemeint sein.

Immer Ärger mit Thorsten

Prenzler, der schon einmal wegen Betrugs verurteilt wurde, steht seit Jahren parteiintern in der Kritik. „Wir haben so viele Leichen im Keller“, heißt es in den Tondateien, da hätte Prenzler schon längst gehen müssen.

Zu einer dieser „Leichen“ musste Nockemann bereits beim Landeskriminalamt aussagen. „Die genannte Zeugenvernehmung hat zwischenzeitlich stattgefunden“, bestätigt eine Pressesprecherin des Staatsanwaltschaft der taz. Weitere Zeugenvernehmungen seien beabsichtigt.

Die AfD möchte zu der Vernehmung nichts sagen. Der stellvertretende Pressesprecher Daniel Menkens räumt aber ein: „Es ist zutreffend, dass eine anonyme Anzeige erstattet wurde, nach unserer Kenntnis wegen Untreue.“ Er betont jedoch, dass diese Ermittlungen sich „wieder einmal im Rahmen einer Schmutzkampagne gegen die Fraktion und den Fraktionsgeschäftsführer“ bewegen würden.

Fakt ist: Seit September 2022 läuft ein Ermittlungsverfahren gegen Prenzler, so die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Da „die Ermittlungen dauern“, seien „derzeit keine weiteren Auskünfte möglich“.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Andreas Speit

Andreas Speit Autor

Rechtsextremismusexperte, Jahrgang 1966. In der taz-Nord schreibt er seit 2005 die Kolumne „Der Rechte Rand“. Regelmäßig hält er Vorträge bei NGOs und staatlichen Trägern. Für die Veröffentlichungen wurde er 2007 Lokaljournalist des Jahres und erhielt den Preis des Medium Magazin, 2008 Mitpreisträger des "Grimme Online Award 2008" für das Zeit-Online-Portal "Störungsmelder" und 2012 Journalisten-Sonderpreis "TON ANGEBEN. Rechtsextremismus im Spiegel der Medien" des Deutschen Journalistenverbandes und des Ministeriums für Justiz und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt. Letzte Bücher: herausgegeben: Das Netzwerk der Identitären - Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten (2018), Die Entkultivierung des Bürgertum (2019), mit Andrea Röpke: Völkische Landnahme -Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos (2019) mit Jena-Philipp Baeck herausgegeben: Rechte EgoShooter - Von der virtuellen Hetzte zum Livestream-Attentat (2020), Verqueres Denken - Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus (2021).
Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

0 Kommentare