: Zertrümmerte Hoffnung
Die Journalistin Anna Kupriy ist aus ihrer Heimatstadt Odessa geflohen, mit einer Axt unterm Autositz. Jetzt lebt sie in einer anderen Welt, in der Idylle von Gerlingen. Für Kontext beschreibt die 47-Jährige ihr zerrissenes Leben.
Von Anna Kupriy↓
Gerlingen wirkt auf mich wie ein Kino-Dorf. Hübsche Häuser, ordentliche Fußwege, hübsch bepflanzte Blumenbeete und viel Liebe zum Detail. Zwerge, Springbrunnen und lustige Schilder mit den Namen der BewohnerInnen. Überall sehe ich Kinderschaukeln und Spielzeug und jeden Morgen beobachte ich, wie die Kinder zur Schule gehen. Wenn ich am Abend zurückkomme und in die Fenster schaue, sehe ich fast überall Bücherregale. Und von den Fenstern meines Zimmers sehe ich über den Puppendächern der Häuser den Kirchturm. Jede Nacht schlafe ich ein mit dem Klang der Kirchenglocken. Jeden Morgen wache ich auf bei Vogelgezwitscher. Ein sanftes Aufwachen und so viel angenehmer als mit dem Geräusch von Raketen in meiner Stadt Odessa. Das Problem ist nur, dass wir in der Ukraine keine Wahl haben.
Am 24. Februar um 5 Uhr in der Frühe ist mein Land von Explosionen geweckt worden. Russland hatte die Invasion in der Ukraine begonnen. Eine Minute vor der ersten Rakete habe ich Putins Rede im Internet gehört. Ich konnte es nicht glauben. Anrufe bei Freunden, der Blick in offizielle Facebookseiten und in Telegram-Kanäle halfen, das Mosaik zusammenzusetzen. Viele Städte wurden angegriffen. Auch meine Heimatstadt Odessa.
Ich liebe meine Stadt. Ich weiß alles über das Leben in Odessa, weil ich 20 Jahre lang als Journalistin in Odessa arbeitete. Über Kamera und Mikrophon kommunizierte ich mit der Welt, Worte waren meine Waffen. Dann wurde ich Stadtführerin. Womöglich gibt es keinen Job, der die Liebe zu einer Stadt derart wachsen lässt. Du kennst so viele Ecken, Fassaden und die Geschichte jeder Straße. Mit geschlossenen Augen findest du deinen Weg. Du kannst stundenlang über die Geschichte dieser Stadt sprechen. Von den Griechen angefangen, die sich hier an der Küste niedergelassen haben, bis in die Gegenwart, in der Odessa zum größten Hafen der Ukraine am Schwarzen Meer geworden ist mit einer Einwohnerzahl von mehr als einer Million. Wir StadtführerInnen sagten uns scherzhaft, unsere Aufgabe ist es, die Leute zu Verliebten zu machen, sie sollten sich in Odessa verlieben. Das war meine Arbeit die letzten fünf Jahre vor dem Krieg.
Während ich nun hier in Gerlingen sitze und für Kontext schreibe, kann ich kaum glauben, dass diese Worte aus meinen Fingern fließen, dieses „vor dem Krieg“. Am 24. Februar wurde die Zeit und die Welt geteilt in ein Davor und ein Danach. Und in diesem Danach merke ich, wie sehr ich wieder als Journalistin denke. Ich sage mir: Schau genau hin, höre zu, erinnere dich und schreibe alles nieder. Dutzende Geschichten, Hunderte menschliche Gesichter und menschliche Leben – über all das musst du schreiben, um der Welt zu zeigen, was hier passiert. Damit die Welt weiß, dass der Krieg in jedes Haus in Europa kommen kann, wie es uns passiert ist am 24. Februar.
Ich wollte die Ukraine nicht verlassen, aber plötzlich hing das Schicksal von mehreren Frauen und Kindern von mir ab. Zwei Wochen lang habe ich mit ihnen 3.000 Kilometer mit dem Auto zurückgelegt. Wir haben sieben Länder durchquert, Deutschland war das achte auf unserer Flucht-Route. Die ganze Zeit über hatte ich Kontakt zu denen, die geblieben sind. Ich sammle ihre Geschichten, lege Zeugnis ab über Russlands schreckliches Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ich schalte meine Gefühle ab und nehme die Worte jedes einzelnen Augenzeugen auf. Auf Facebook lese ich von ihren Ängsten.
„Im Luftschutzbunker war eine große Familie besonders bemerkenswert: Großmutter, Großvater, junge Eltern und ein Kind. Sie hatten zwei Stühle, sie saßen abwechselnd darauf und hielten das schlafende Baby. Dann freuten sie sich, dass Baby Kirill schlief und die Explosionen nicht hörte.“
„Acht Menschen flüchteten in einem Auto, das so vollgestopft war, dass sie ihren großen Hund nicht mitnehmen konnten. Sie mussten ihn zurücklassen und den ganze Weg hat sein Besitzer, ein großer, starker Mann, geweint.“
„Als sie gingen, nahmen uns die Russen die Handys ab. Die billigeren wurden zertrampelt, die teureren in Taschen gesteckt. Ich brach in Tränen aus. Ein Soldat, der aussah wie 16 Jahre alt, schaute sich ängstlich um und steckte das Gerät in meine Tasche.“
Diese Berichte gehen mir unter die Haut. Es gibt keine Stadt in der Ukraine, in der sich die Menschen noch sicher fühlen können. Nicht in Mariupol, das nun fast völlig zerstört ist. Wohnhäuser, Krankenhäuser, Kindergarten in Trümmern, es sind zertrümmerte Hoffnungen. Mein Notizbuch füllt sich mehr und mehr und ich höre nicht auf zu schreiben, mich zu erinnern, darüber zu reden. Das ist es, was ich heute für mein Land tun kann.
Vergangene Woche besuchte ich ein Haus in Stuttgart, wo ukrainische Familien wohnen. Mit Yaroslava, die nach der ersten Bombardierung von Kiew in Stuttgart ankam, sprach ich ukrainisch. Mit Egor und seiner Frau Lyuda russisch. Vor mehr als 20 Jahren verließen sie die Ukraine Richtung Deutschland, beide sprechen vier Sprachen. All ihre freie Zeit widmen sie der Unterstützung geflüchteter UkrainerInnen, treffen sich, reden, sammeln Dinge, die dringend gebraucht werden, suchen Unterkünfte.
In diesem Haus in Stuttgart diskutierten wir über die Rolle von KünstlerInen im Exil: ich mit Christina auf englisch. Mit Yaruslava wechselte Christina in ihre Muttersprache Deutsch, denn Yaruslava spricht es so flüssig wie ihre Muttersprache Ukrainisch. Ihre drei Töchter sprechen ukrainisch, englisch und russisch. Egor sprach am Abendtisch das Gebet auf russisch. Und ich dachte, dass heute die ukrainische Identität in ihrer höchsten Konzentration außerhalb der Ukraine zu finden ist.
Mein Land hat die Gelegenheit, der Welt über sich selbst zu erzählen. Über die Sprache, die Lieder, die Küche, die Traditionen – alles, was die Auswanderer sorgfältig in der Diaspora pflegen, erhält nun neue Nahrung durch die Kriegsflüchtlinge. Diese Menschen tragen die Ukraine in sich. Wenn man so will, sind die Geflüchteten ukrainische Botschafter in Europa. Botschafter auf Zeit, die sicher wieder zurückkehren.
Übersetzung aus dem Englischen:
Susanne Stiefel
Anna Kupriy, 47, arbeitete 20 Jahre als Journalistin in Odessa. Als der Krieg in der Ukraine begann, flüchtete sie mit mehreren Familien. Unter ihrem Fahrersitz lag eine Axt als Schutz, sie war nur mit Frauen und Kindern unterwegs in ihrem Fluchtauto. Über sieben Länder fuhr sie von Moldawien nach Deutschland. Heute wohnt sie in Gerlingen bei einer deutschen Familie. Neben ihren Artikeln bei Kontext berichtet sie auch in einem Blog bei der Landeszentrale für politische Bildung. (sus)
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