Zeitgeschehen: Erinnern für die Zukunft
Studierende der Uni Konstanz haben mit Überlebenden des SS-Massakers von Sant‘Anna di Stazzema gesprochen, mit deren Kindern, aber auch mit Jurist:innen und Journalist:innen. Zu sehen ist das Ergebnis, die multimediale Ausstellung „ÜberLeben erzählen“, nur kurz im Stuttgarter Stadtpalais.
Von Oliver Stenzel Am 12. August 1944 kommt eine SS-Einheit in das toskanische Bergdorf Sant‘Anna di Stazzema. Als sie wieder abzieht, sind 560 Menschen tot, ermordet von den Soldaten, vor allem Frauen, Kinder und Alte. Nur wenige überleben. Wie geht ein Mensch um mit so einer Erinnerung, so einem Trauma? Mit dem Bewusstsein, überlebt zu haben, während viele andere, die nächsten Angehörigen, Freunde, Bekannte, Nachbarn hingemetzelt wurden? Teils vor den eigenen Augen?
Sehr unterschiedlich, wie die Ausstellung „ÜberLeben erzählen“ zeigt, die gerade im Stuttgarter Stadtpalais zu sehen ist, nachdem sie im August bereits in Sant‘Anna ihr Debüt hatte (Kontext berichtete). 39 Studierende der Uni Konstanz haben für das Projekt Überlebende, deren Kinder und Enkel interviewt, aber auch Jurist:innen und Journalist:innen. Sie haben deren Erzählungen und Perspektiven auf das Massaker in Film- und Tonaufnahmen sowie Fotos dokumentiert. Und sie haben Beispiele für künstlerische Auseinandersetzungen gesammelt, ob in Poesie, Literatur, Malerei, Comics oder Gedenktafeln.
Nicht mehr interviewen konnten die Studierenden Enrico Pieri, der 2021 gestorben ist. Und doch ist er an mehreren Stellen der Ausstellung präsent, weil er sich für die Erinnerung und Aufarbeitung des Massakers stark gemacht hatte wie wenige andere. Pieri hatte es als Zehnjähriger überlebt, hatte Furchtbares gesehen, Familienmitglieder waren getötet worden, er traumatisiert – und er wurde doch, trotz alledem, ein sehr dem Leben zugewandter Mensch. Eine Einstellung, die er offenbar an seinen Sohn Massimo Pieri weitergegeben hat, der auf einem der vielen Monitore in der Ausstellung zu sehen und zu hören ist. Er spricht über die Schatten der Vergangenheit, und dass sie nicht die Gegenwart verfinstern sollten. Sant‘Anna sei ein „Ort des Todes“, sagt Massimo Pieri, „es sollte aber auch ein Ort des Lebens werden“, ein Ort, an dem man feiert, fröhlich ist.
Dies umzusetzen und mit Erinnerungsarbeit zu verbinden, war auch ein Vermächtnis seines Vaters: Enrico Pieri schenkte sein Elternhaus der Gemeinde Stazzema, um dort eine Herberge und ein Begegnungszentrum für junge Menschen zu schaffen. Massimo engagiert sich heute weiterhin für die Verwirklichung dieses Wunsches, kommt regelmäßig nach Sant‘Anna, obwohl er in der Schweiz lebt und arbeitet.
Massimo Pieri ist bei der Ausstellungseröffnung am 20. November im Stadtpalais dabei. Und betont auch dort in seinem kurzen Grußwort: „Bei aller Schwere des Themas möchte ich die Lebensfreude nicht vergessen.“
Das Massaker quält Adele Pardini bis heute
Die Lebensfreude nicht vergessen – das fällt nicht allen leicht. Adele Pardini etwa, die das Massaker als Vierjährige überlebt hat. Die 84-Jährige ist als Zeitzeugin bei der Ausstellungseröffnung zu Gast. Eine kleine, alte Dame mit ernstem Blick und großen, wachen Augen. Sie erzählt von jenem Tag im August 1944, als die deutschen Soldaten kamen, da war sie gerade mit ihrer Familie beim Frühstück, daran erinnert sie sich noch. Sie erzählt lange, muss mehrmals schlucken und stocken, und als Petra Quintini übersetzt, verstehen auch die nicht des Italienischen Mächtigen, warum. Es ist eine Erzählung des Grauens. Pardini schildert, wie alle anwesenden Bewohner:innen, die meisten davon Frauen, Kinder und Alte, auf dem Dorfplatz zusammengetrieben wurden, wie ihre Mutter mit der neugeborenen Anna auf dem Arm auf einen Soldaten zuging mit der Bitte um Gnade, wie der Soldat darauf wortlos seine Pistole zückte und sie sofort erschoss, wie dann die Maschinengewehre anfingen zu schießen, wie sie mit ihrer Schwester Siria nur überlebte, weil hinter ihnen an einem Gebäude eine Türe aufging und sie nach hinten hineinfielen. Wie sie sich danach in einer Grotte versteckt hatten, wie sie sich erinnert, dass der Vater, als er zurück ins Dorf kam, die Mutter aufbahrte. Neben ihr und der kleinen Anna wurde auch Adeles Schwester Maria getötet.
Auch für die Überlebenden blieb das Grauen ein Begleiter. „Wir hatten ein trauriges Leben“, erzählt Adele Pardini. „Mein Vater hat seine Stimme verloren. Und ich bin immer wieder nachts schreiend aufgewacht.“
Auch in einem Film in der Ausstellung berichtet sie – dort gemeinsam mit ihrer vier Jahre älteren Schwester Siria – die Geschichte. Und vieles mehr über ihr Leben, über vermeintliche Kleinigkeiten, die aber eben auch ein Leben ausmachen. Die Kamera begleitet die beiden beim Gang um ihr altes Elternhaus herum, im Dorf, in der Kirche, im Ossario, der zentralen Gedenkstätte, und auf Bergpfaden rund ums Dorf, gemeinsam mit Adeles Sohn Graziano Lazzeri.
Lazzeri wurde 1961 geboren, 17 Jahre nach dem Massaker, doch auch sein Leben ist von den traumatischen Erfahrungen seiner Mutter geprägt. An einer anderen Videostation erzählt er, wie. Bis zu einem bestimmten Alter, sagt Lazzeri, „war ich für meine Mutter immer Anna Maria Bruna“. Das waren die Namen seiner ermordeten Tanten, und wäre er ein Mädchen gewesen, wäre dies sein Name gewesen. Seine Haare seien lang und lockig gewesen und er durfte nicht, wie andere Jungs, auch mal aggressive Verhaltensweisen an den Tag legen, „das wurde sofort sanktioniert.“ Und er erinnert sich an die nächtlichen Schreie der Mutter, er hätte das Gefühl gehabt, es seien Monster in ihrem Haus gewesen, und irgendwann habe er auch geglaubt, sie sehen zu können.
Lazzeri hat das nicht dazu gebracht, mit der Geschichte seiner Mutter brechen zu wollen, im Gegenteil. Er engagiert sich in Initiativen für die Erinnerungsarbeit, dokumentiert in sozialen Medien die Geschichte und das Vermächtnis von Sant‘Anna, „um sicherzustellen, dass die Welt nie vergisst, was dort geschehen ist“.
Neben den Pardini-Schwestern und Lazzeri kommen in der Ausstellung noch viele andere Überlebende und deren Nachkommen zu Wort, immer wieder zeigen sich Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede im Umgang mit und der Verarbeitung von jenem furchtbaren Tag im August 1944. Man sollte sich Zeit nehmen, die oft langen und nicht immer stringenten Erzählungen anzuhören und die Aufnahmen des Ortes, der zu ihm führenden Bergpfade und der Umgebung anzuschauen. Am Ende entsteht daraus ein Mosaik, das ein tieferes Verständnis ermöglicht, wie Kriegsverbrechen wie das in Sant‘Anna weiterwirken, warum es notwendig ist, an sie zu erinnern, und was für Lehren für die Zukunft im Idealfall aus der Erinnerung entstehen können.
In Stuttgart wurde das Verfahren verschleppt
Wer sich historischen Ereignissen nähert, findet in der Regel als erstes Daten und Zahlen – Zahlen von Ermordeten und Überlebenden etwa. „Aber hinter all den Zahlen stehen auch Namen und Geschichten“, sagt die Literaturwissenschaftlerin Sarah Seidel. „Erzählen ist eine anthropologische Konstante, Erzählen macht den Menschen aus. Deswegen steht Erzählen im Mittelpunkt der Ausstellung.“ Seidel hat gemeinsam mit der Ethnologin Maria Lidola, beide von der Uni Konstanz, das Seminar geleitet, aus dem am Ende die Ausstellung entstand. Initiiert hatte das Ganze eine Kollegin der beiden vom Fachbereich Soziologie, Petra Quintini. Quintini ist die Organisatorin der deutsch-italienischen Jugend-Workcamps, die seit 2017 jeden Sommer in Sant‘Anna stattfinden, sie ist bei vielen Exkursionen auch als Dolmetscherin für die noch lebenden Zeitzeug:innen dabei. Mit der Idee, zum 80. Jahrestag ein wissenschaftliches Projekt zu machen, sei sie auf Lidola und Seidel zugekommen.
Drei Dimensionen hätten bei der Konzeption der Ausstellung eine besondere Rolle gespielt, sagt Maria Lidola: „die Frage der Zeugenschaft, der Wahrnehmungen. Zum anderen die Rolle der Zeit für das Erinnern. Und als Drittes die Dimension der Gerechtigkeit: die Frage der juristischen Gerechtigkeit, ergänzt von Fragen politischer Anerkennung und persönlichem Gerechtigkeitsempfinden.“ Daher kommen in der Ausstellung, im letzten Themenbereich, auch der italienische Militärstaatsanwalt Marco de Paolis, die Anwältin Gabriele Heinecke sowie die Journalist:innen Christiane Kohl und Udo Gümpel zu Wort.
Und hier, bei der juristischen Frage, ist man dann schnell beim Ort der Ausstellung. „Dass die Ausstellung in Stuttgart gezeigt wird, ist kein Zufall“, sagt der Konstanzer Student Jasper Killewald bei der Ausstellungseröffnung. „Denn hier ist die juristische Aufarbeitung der Verbrechen in Deutschland gescheitert.“ Das lag zu großen Teilen am verantwortlichen Staatsanwalt Bernhard Häußler, der das Verfahren verschleppte; Kontext hat oft darüber berichtet.
Trotz des Aufwands, der ungleich höher als bei anderen Seminaren war, habe das Projekt bei den Studierenden „unglaublich viel Interesse geweckt“, sagt Killewald. Auch, „weil wir alle auf der inhaltlichen Ebene die Relevanz gesehen haben, vor dem Hintergrund der erstarkenden rechten Bewegungen“, ergänzt seine Kommilitonin Antonia Lacher. „Die Exkursion nach Sant‘Anna hat uns neue Zugänge zu diesem Thema eröffnet.“
Erinnern nicht nur als etwas in die Vergangenheit Gerichtetes zu denken, sondern in die Zukunft, das sei eine Grundidee der Ausstellung, sagt Maria Lidola. Und so taucht die Formel „Nie wieder“, „Mai più“, als Motiv für das Erinnern, für die vielen verschiedenen Formen des Erinnerns, auch immer wieder auf.
Die Ausstellung „ÜberLeben erzählen. Sant‘Anna di Stazzema 1944/2024“ ist bis zum 5. Dezember zu sehen im Saal Marie (EG) des Stadtpalais in Stuttgart, Konrad-Adenauer-Straße 2. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.
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