ZSK-Sänger Joshi über Punk und Politik: „Lasst die Kids doch machen!“

Die Punkband ZSK wurde mit ihrem Song über Christian Drosten berühmt. Ein Gespräch mit Sänger Joshi über Coronaleugner und Fridays for Future.

Joshi breitet vor blauem Hintergrund die Arme aus

Plötzlich fanden auch Ärz­t*in­nen und ältere Leute Joshi und seine Band ZSK cool Foto: André Wunstorf

taz am Wochenende: Joshi, die Musik Ihrer Band ZSK könnte man als euphorischen Skatepunk bezeichnen.

Joshi: Euphorisch mag ich.

Ihr Song über Christian Drosten hat Sie in Kreisen bekannt gemacht, die sonst vielleicht keinen Punk hören.

Die Drosten-Nummer war verrückt. Da hat etwa ProSieben mir ein Fernsehteam in den Urlaub an der Ostsee geschickt, weil sie unbedingt ein Interview wollten. RTL kam zu uns in den Proberaum. Die kleine Scheißpunkband aus Kreuzberg läuft plötzlich im Deutschlandradio mit ihrem Drosten-Song, das war sehr ulkig. Das haben viele Leute gehört und gesehen, die sonst nichts mit unserer Musik zu tun haben, aber auch in Zukunft nichts zu tun haben wollen, glaub ich! Uns haben Ärzte, Wissenschaftler und ältere Leute geschrieben, die das cool finden. Oft hieß es: Bei mir in der Klinik gibt’s auch Coronaleugner, ich hasse die. Viele haben sich bedankt, weil es uns darum geht, all jene in Schutz zu nehmen, die Tag und Nacht arbeiten, damit Menschen nicht sterben, und dafür von Nazis, AfDlern, Reichsbürgern und Coronaleugnern massiv beschimpft und bedroht werden.

Hat Ihr jüngster Charterfolg was mit dem Drosten-Clip zu tun?

Das Stück hat sicher unseren Namen bekannter gemacht, aber ich glaube nicht, dass deswegen signifikant mehr Leute unsere neue Platte „Ende der Welt“ gekauft haben. Wobei wir auf Platz 3 der deutschen Charts waren, das ist unfassbar. Gerade in diesen beschissenen Pandemiezeiten gibt es wohl viele Fans, die bewusst sagen: Die Platte kaufe ich mir jetzt, um denen zu helfen.

Die Musik von ZSK ist von amerikanischem Hardcore-Punk beeinflusst, die Texte sind meist auf Deutsch.

Unsere Texte waren schon immer gemischt, aber das Englische wurde weniger und das Deutsche mehr. Ich finde es schöner auf Deutsch, weil die Leute es besser verstehen. Ich mag nicht diesen Studentenkram: „Oh, ich fühl mich jetzt irgendwie sooo …, und ich sag so verschrobenen Kram, den keiner versteht.“ Aber megaplatt mag ich es auch nicht. Das ist die hohe Kunst, Sachen zu bringen, die verständlich sind, aber nicht megaplatt.

Aber Sie haben auch keine Hemmungen, altbekannte Demo-Slogans zu vertonen.

Ja, das haben wir oft gemacht. Auf dem aktuellen Album gibt es das Stück „No justice, no peace“. Das ist der Slogan von Black Lives Matter, der uns sehr bewegt hat. In den Texten taucht ja das auf, was wir erlebt haben. Und dazu gehört auch, auf Demonstrationen zu gehen, wo „Alerta antifascista“ skandiert wird. Manche Kids denken, der Spruch sei von uns. Den Song wollte ich damals nicht aufnehmen. Ich habe unserem Produzenten gesagt, ich hab da zwar noch einen Song, aber das ist mir zu platt. Es ist ein Riesenhit auf Youtube, inzwischen fast 6 Millionen Klicks. Bands aus der ganzen Welt haben den Song gecovert, russische, spanische, italienische.

Auf dem neuen Album gibt es ein Lied mit dem Refrain „Ganz Deutschland hasst die AfD“.

Es haben uns schon Leute geschrieben, das sei nicht in Ordnung, weil man sich damit selbst als Teil von Deutschland verstehe. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein Fan von uns glaubt, dass wir die deutsche Nation oder das Konzept von Nationalstaaten gut finden. Es geht um den geografischen Raum. Ich kann ja schlecht singen „ganz Berlin“, dann haben die Münchner und Hamburger nichts davon. Aber live werde ich das auf die jeweilige Stadt anpassen.

Haben Sie beim Schreiben manchmal Lust auf mehr Ambivalenz?

Ich mach ja alle Texte, und ich kann das einfach nicht. Das würde mich so krass langweilen. Ich mag nicht, wenn nur drumrumgeredet wird und jeder alles reininterpretieren kann. Das heißt aber nicht, dass wir nur knallharte politische Texte haben. Wir haben im Gegensatz zu anderen Politbands viele Songs über Freundschaft und Liebe.

Sie haben den Tod Ihrer Mutter in einem Lied verarbeitet.

Das ist so passiert, wie im Song beschrieben. Es war beim Soundcheck in Stuttgart, 2016, als meine Mutter in Göttingen im Sterben lag. Sie war sehr krank, aber man wusste nicht, wie schlimm es ist. Kurz bevor wir auftreten sollten, kam der Anruf. Wir saßen im Backstage, und der erste Gedanke ist natürlich: Wir sagen das ab und fahren nach Hause. Dann dachte ich aber, was soll das jetzt bringen? Unsere Eltern haben uns immer geholfen mit der Band. Sie haben uns einen Proberaum gegeben, einen alten Luftschutzbunker, direkt unter unserem Wohnzimmer. Es muss schrecklich für sie gewesen sein: Wir haben sehr viel, anfangs sehr schlechte Musik sehr laut gespielt. Das haben sie ausgehalten, und wenn wir auf Tour gegangen sind, damals spielte mein Bruder noch Schlagzeug und wir gingen zur Schule, haben sie uns Entschuldigungen geschrieben.

Die aus Göttingen stammende Punkband ZSK gab ihr erstes Konzert im Dezember 1996. Inzwischen füllt die Band Säle und spielt auf großen Festivals. ZSK tourten als Vorgruppe mit Bad Religion und den Toten Hosen. In Zusammenarbeit mit Bands wie den Ärzten initiierten ZSK das Projekt „Kein Bock auf Nazis“. Im vergangenen Sommer landeten ZSK einen Coup mit ihrem Song über Christian Drosten, „Ich habe besseres zu tun“. Ihr neues Album „Ende der Welt“ ist bei Century Media/Sony erschienen.

Ich dachte also – das mag jetzt cheesy klingen –, sie fände es auch cool, wenn wir dieses Konzert spielen. In Extremsituationen funktioniere ich gut. In Zürich haben wir einmal gespielt, während die Polizei das Publikum mit Gummigeschossen eingedeckt hat. Wir haben in Stuttgart aber keine Zugabe gegeben. Ich bin von der Bühne gegangen und backstage aus dem Fenster geklettert. Dann hat mich ein Bandkollege nach Göttingen gefahren. Wie wichtig Freunde sind, merkst du erst in so einem Moment.

ZSK gibt es seit fast 25 Jahren. Auf Ihren Konzerten sieht man viele junge Leute. Die wachsen stetig nach?

Ja, das ist so und freut mich sehr. Es gibt oft Klugscheißer, die sagen: „Ihr habt so ein junges Publikum, und die rufen dann zwischen den Liedern ‚Nazis raus‘, dabei sind doch gar keine Nazis in der Halle.“ Ich sage dann immer: Alter, jetzt sag du mir doch mal, wie warst denn du mit 16? Warst du da megagecheckt und hast schon alle Bücher gelesen?

Auf dem neuen Album feiern Sie die Jungen: „Die Kids sind okay“.

Wir als alte Leute haben überhaupt kein Recht, einer 16 Jahre alten Fridays-for-Future-Schü­lerin zu sagen: „Aber wir haben das damals anders gemacht! Als wir beim Castor auf den Gleisen saßen.“ Lasst die doch machen, die machen das schon richtig! Was uns richtig wütend macht, ist der unfassbare Hass, den Leute wie Greta Thunberg abkriegen. Diese Vergewal­tigungs- und Morddrohungen, dass sie als „behindert“ beschimpft wird von komischen alten weißen Männern, das macht mich verrückt.

Ihr aktuelles Album hat den Titel „Ende der Welt“ und ist von einer kämpferischen Haltung geprägt.

Ich muss sagen, so bedroht habe ich mich und uns ganz konkret als Künstler und Band noch nie gesehen. Als wir groß geworden sind, gab es die NPD, eine sehr gefährliche Partei mit einem Arm in die militante Naziszene hinein, damals vertreten in zwei Landtagen. Aber es stand nie ernsthaft zur Debatte, dass die in den Bundestag kommen. Sie konnten wenig erreichen im Vergleich zu dem, was die AfD jetzt tun kann mit eigener Stiftung, Zugang zum wissenschaftlichen Dienst des Bundestags, Millionen Euro durch die Wahlkampfkostenerstattung.

Unser Autor ist auf dem Rad um die gesamte Ostsee gefahren: Zwölf Etappen in zwanzig Jahren, insgesamt 10.000 Kilometer. Ob das seine Vorstellung von Europa verändert hat – in der taz am wochenende vom 17./18. April. Außerdem: Ein Gespräch mit Aktivistin Kristina Lunz über feministische Außenpolitik. Und: Die politische Dimension von Fried Chicken. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Die AfD hat viele rechte Kader und Burschenschaftler in Lohn und Brot gebracht, die sonst vielleicht als rechter Anwalt gearbeitet und in ihrer Freizeit rechte Propaganda gemacht haben. Jetzt können sie das in Vollzeit tun. Ich merke es bei uns als Band, dass Jugendzentren und Clubs, die Fördergelder bekommen, Angst haben, weil die AfD so viel Druck macht. Wenn die AfD etwa Miteinander e. V. in Magdeburg die Gelder entziehen will, sitzen sie inzwischen wirklich an den Hebeln. Diese Dimension der Gefahr eines Rechtsrucks ist vielen noch gar nicht klar. Die AfD hat verstanden, dass die Leute, die sich ihnen entgegenstellen, in einer nichtrechten, alternativen Jugendkultur und im gesamten Kulturbereich zu finden sind, der sich für Menschenrechte, für Aufklärung und gegen Rassismus engagiert. Das wollen sie zerstören, weil das ihr schlimmster Gegner ist. Sie setzen alles daran, das kaputt zu machen.

Als Punkband kann man aber auch Schwierigkeiten bekommen, wenn man wie der Trommler von Feine Sahne Fischfilet mit nacktem Oberkörper, also „sexistisch“, Schlagzeug spielt.

Manchmal gibt es Leute, die eine bestimmte Textzeile nicht in Ordnung finden. Wir versuchen mit allen zu reden, und das funktioniert auch. Ich hab ganz früher die Zugabe nackt gespielt. Nur mit Gitarre bekleidet. Wir hatten große Freude daran, verrückte Dinge zu tun, was man als Punk so macht. Ich finde es auch weiterhin völlig in Ordnung, mit 16 mal nackt die Zugabe gespielt zu haben, auch wenn ich es heute nicht mehr machen würde.

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