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Wüst of Change

Hendrik Wüst gilt als hochprofessionell, wandelbar und umsichtig. Im nächsten Jahr könnte er erneut Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen werden. Und dann Kanzler?

Von Anna Lehmann und Andreas Wyputta

Der junge Mann, ganz in Schwarz gekleidet, beantwortet lächelnd die Fragen seines Gegenübers. Der ist gut einen Kopf größer und trägt zum Anzug Krawatte. Der junge Mann ist İlkay Gündoğan, ein Weltstar, ehemaliger Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, Spieler von Galatasaray Istanbul. Der andere ist sein Fan aus Düsseldorf, Hendrik Wüst, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Er stellt an diesem Abend in einer Villa in Istanbul nicht nur Fragen, sondern verleiht Gündoğan auch eine Verdienstmedaille seines Landes.

Jede Menge Fotos von dem Treffen kursieren später in der digitalen Welt: der Landespolitiker Wüst im lockeren Austausch mit dem internationalen Fußballstar. Wüst weiß um die Macht solcher Bilder. Seine dreitägige Reise in die Türkei wird auch wegen dieser Szenen zu einem Ereignis, das bundesweit wahrgenommen wird.

Wüsts Delegation samt Medien- und Unternehmensvertreter:innen füllt fast den ganzen Linienflieger von Düsseldorf nach Ankara. Er trifft den türkischen Staatspräsidenten und die halbe Regierung, spricht mit Gündoğan und Gastarbeiter:innen. Wüst beteuert, er mache lediglich seinen Job als Ministerpräsident. Aber ginge das nicht auch eine Nummer kleiner? Oder macht Wüst hier, was hinter vorgehaltener Hand sowieso alle meinen: eine Kanzlerprobereise im Billigflieger?

Warum auch nicht. Die Koalition ist zerrüttet, der Kanzler angeschlagen, in der CDU gärt es. Die katastrophalen Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern haben die Partei schwer getroffen. Seit Wüst 2023 „den grassierenden Sofortismus“ und „elitären Wunsch nach Radikal­reformen“ in der FAZ kritisierte – und damit auch Friedrich Merz –, gilt der nordrhein-westfälische Ministerpräsident vielen in der Partei als Hoffnungsträger; selbst in der Jungen Union, der einst stabilen Merz-Fankurve.

Könnte Wüst tatsächlich bald Merz im Kanzleramt ablösen – womöglich gar die CDU aufrichten, die Koalition einen und Deutschland in eine prosperierende Zukunft führen?

Der finanzpolitische Sprecher der Union im Bundestag, Fritz Güntzler, ist zurückhaltend. „Friedrich Merz durch Hendrik Wüst zu ersetzen, ist wie der Wechsel von Julian Nagelsmann zu ­Jürgen Klopp. Ein Trainerwechsel ersetzt keine Mannschaftsleistung. Und die Herausforderungen bleiben auch die gleichen.“ Güntzler wird parteiübergreifend geschätzt – als Fachpolitiker, aber auch als Mannschaftskapitän des FC Bundestag, des Parlamentsfußballteams. Auf Merz sei von Anfang an zu viel projiziert worden, sagt Güntzler. Das Gleiche drohe auch Wüst.

Es ist gerade mal fünf Jahre her, da galt Merz selbst als der Hoffnungsträger in der CDU. Einer, der die Partei nach Jahren der empfundenen Beliebigkeit unter Angela Merkel wieder auf ihren konservativen Markenkern zurückführen sollte. CDU pur, versprachen Merz und sein Trupp, die wie in die Jahre gekommene Jungunionisten ins Kanzleramt einfielen. Dort müssen sie nun feststellen, dass die Erde sich nicht schneller dreht, nur weil man forsche Ansagen macht. Und dass die konservative Mitte zwischen einer stramm rechten, vor Kraft strotzenden AfD und einer erstarkenden Linkspartei inzwischen verdammt dünn besiedelt ist.

Schwingt nun das Pendel zurück zu jenen, die die CDU eben nicht nur als konservativ, sondern auch als liberal und christlich begreifen? Die wollen, dass die Partei auch wieder in andere Milieus ausstrahlt? Wüst wirkt von Weitem wie eine Rückbesinnung auf die Ära Merkel. Er gilt als moderierend und verbindlich. Seit fünf Jahren führt er ziemlich geräuschlos eine schwarz-grüne Koalition.

Dabei ist er von Haus aus kein Liberaler. Der Gymnasiast, in der Abizeitung als „schwarze Socke“ verspottet, tritt im zarten Alter von 15 Jahren der Jungen Union bei und kurz darauf, 1992, in die CDU ein. Die CDU-Nachwuchsorganisation bleibt seine Basis, in ihr und aus ihr heraus steigt er auf. Und knüpft ein Netzwerk, das ihn bis heute trägt. Mit Philipp Mißfelder, dem langjährigen Bundesvorsitzenden der JU, war Wüst eng befreundet. Er soll geweint haben, als er von Mißfelders Tod erfuhr. Im Jahr 2007 veröffentlichen die beiden zusammen mit Stefan Mappus und Markus Söder ein Grundsatzpapier für einen modernen bürgerlichen Konservatismus. Die vier bekennen sich darin zu einer „deutschen Leitkultur“ und erklären die „rot-grüne Multi-Kulti-Idee“ für gescheitert. Keine Gesellschaft könne Menschen anderer kultureller Prägung in beliebiger Zahl aufnehmen.

Fast 20 Jahre später klingt Wüst in Istanbul ganz anders. Mehrfach betont er, dass er der erste Ministerpräsident NRWs sei, der in die Türkei reise, obwohl doch eine Million Menschen türkischer Herkunft in dem Bundesland lebten, die Kinder und Enkel der Gastarbeiter. Diese Menschen seien viel zu lange als Problem wahrgenommen worden statt als Chance. Er ehrt Gündoğan, der sich gegen Anfeindungen und Diskriminierung habe wehren müssen, und lobt dessen Verdienste um den Zusammenhalt. Fußball stehe für einen „modernen, weltoffenen Patriotismus“.

Hat er sich radikal verändert? Wohl kaum. Eher besitzt er ein Gespür für politische Stimmungen. In der 2023 über ihn erschienenen Biografie urteilen die Autoren, Wüst habe sich nie als großer Vordenker einen Namen gemacht. Er sei ein Wandlungskünstler der Macht. „Einer, der den Zeitgeist mit traumwandlerischer Sicherheit zu lesen versteht.“ Jemand, der Wüst lange kennt, formuliert es freundlicher: „Wüst hat ein konservatives Standbein und ein liberales Spielbein.“ Und er habe verstanden, dass die CDU eine Volkspartei sei. Das sei Teil seiner steilen Lernkurve.

Was Wüst zudem auszeichnet, ist seine Professionalität. Als „maximal diszipliniert und top vorbereitet“ beschreibt ihn ein:e Parteifreund:in. „Alles, was sichtbar ist, folgt einem Plan.“ Das bestätigt sich auch in der Türkei. Wüsts Team, ein kleiner, eingespielter Kreis, dessen strategischer Kopf der Chef der Staatskanzlei Nathanael ­Liminski in Düsseldorf ist, hat die Reise – Orte, Begegnungen und Kulissen – ein Jahr lang geplant. Neben Erdoğan posiert Wüst im Präsidentenpalast, neben einem ehemaligen Gastarbeiter vor dem Bosporus.

Es scheint, als mache Wüst keine Fehler – und das ist wohl der augenfälligste Unterschied zum aktuellen Kanzler. Doch hier gilt: Je näher man kommt, desto größer werden die Kratzer. Wüsts Bilanz nach fünf Jahren als Landesvater Nordrhein-Westfalens ist bestenfalls durchwachsen. Die Arbeitslosenquote liegt hier höher als im Rest der Republik – in Gelsenkirchen beträgt sie traurige 15,6 Prozent. Das Wirtschaftswachstum dümpelt mit 0,3 Prozent nur bei einem Drittel des sowieso schon geringen Bundesdurchschnitts herum. Der Regionalverkehr auf der Schiene ist unfassbar schlecht. Und jede dritte Straßenbrücke im Land gilt als marode. Eine strahlende Empfehlung für höhere Aufgaben ist Wüsts Regierungszeit in NRW nicht.

Aber will er überhaupt ins Kanzleramt? Es heißt, zur Jobbeschreibung eines Ministerpräsidenten gehöre es, solche Ambitionen zu hegen. Und Wüst hat oft genug bewiesen, dass er einen ausgeprägten Machtwillen besitzt. Als 2010 Vorwürfe im Raum stehen, er habe Firmen gegen Geld exklusiven Zugang zu Spitzenpolitikern vermittelt, muss er als CDU-Generalsekretär in NRW zurücktreten. Sieben Jahre später kehrt er als Verkehrsminister ins Kabinett von Armin Laschet zurück und beerbt diesen 2021 als Landesvater.

Laschet erfährt in der Zwischenzeit, dass man auch als überaus beliebter Landespolitiker auf der großen Bühne scheitern und über Intrigen in den eigenen Reihen stolpern kann. Wer den Sprung nach Berlin wagt, braucht einen inneren wie äußeren Schutzschild. Wüsts wichtigster Schutz ist seine Vorsicht. Er wagt sich selten aus der Deckung. In der Türkei weicht er der Frage einer Journalistin aus, ob die Union eine andere Ansprache in der Migrationspolitik brauche. Er wolle im Ausland keine innenpolitischen Statements abgeben. Allerdings äußert sich Wüst auch im Inland kaum dazu, wie er sich etwa Reformen bei Pflege, Rente oder Gesundheit vorstellt. Wer sich von Wüst inhaltliche Führung erhofft, wird enttäuscht.

Wüsts wichtigster Schutz ist seine Vorsicht. Er wagt sich selten aus der Deckung

Zu seinen politischen Ambitionen erklärte er kürzlich jedoch recht klar: „Ich trete für fünf Jahre an. Ich habe keine anderen Pläne.“ An dieses Wording klammern sich Christdemokraten wie Grüne in der Landeshauptstadt Düsseldorf. Der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU, ­Matthias ­Kerkhoff, geht davon aus: „Hendrik Wüst wird auch nach 2027 Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen sein, und das für die gesamte kommende Legislaturperiode.“ Wüst gilt in Nordrhein-Westfalen als unersetzlich. Die Kampagnenplanung der CDU für die Landtagswahl im April hat längst begonnen – mit ihm im Mittelpunkt. Auch eine geeignete Nachfolge ist nicht in Sicht.

Fraglich bleibt auch, ob Wüst, der im beschaulichen Rhede aufwuchs und von dort nie wegzog, in Berlin heimisch werden würde. Der Regierungschef, der seine Eltern früh verlor, ist erst im März zum zweiten Mal Vater geworden. Das persönliche Glück und die CDU-Herrschaft über die Staatskanzlei gleichzeitig aufs Spiel zu setzen, scheint gewagt, zumal für jemanden, der so vorsichtig agiert wie Hendrik Wüst.

Kann Friedrich Merz sich also erst einmal entspannen? Wenn sich ab Freitag die Junge Union zum „Deutschlandtag“ in Bonn trifft, werden beide dort reden, erst Wüst und am nächsten Tag Merz. „Alle spüren, dass sich die Zeiten geändert haben, und ich bin gespannt, wer die besten Antworten gibt“, meint der aktuelle Vorsitzende der Jungen Union, Johannes Winkel. Die Debatte über einen Kanzlertausch sei vorbei.

Traditionell dient der JU-Parteitag dazu, Bewerbungsreden fürs Kanzleramt zu halten. Markus Söder hat sich für Sonntag angekündigt.