: Wovon die Stadt lebt
Berlin kündigt eine Internationale Bauausstellung 2034–37 an. Und plötzlich wird an zwei unterschiedliche städtebauliche Modelle erinnert: den Hobrecht-Plan von 1862 und den Kollektivplan von 1946
Foto: Cecil F. S. Newman/Stiftung Stadtmuseum Berlin
Von Sophie Jung
Zwei Formen der Stadt stehen einem noch immer in Berlin gegenüber, die dichte Mietskasernenstadt der Kaiserzeit und die aufgelockerte funktionale Stadt der Moderne. Man will aber für die Zukunft planen. Es wird eine Internationale Bauausstellung geben, der Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, Christian Gaebler (SPD), hat im Frühjahr die Pläne vorgelegt, die IBA Berlin 2034–37 ist beschlossene Sache. Sie soll die „urbane Transformation der gebauten Stadt“ voranbringen. Wohin soll es gehen?
Man könnte sich dann an die städtebauliche Debatte der 1980er Jahre erinnern: Moderne weiterdenken oder (postmoderne) Rückbesinnung auf die historische Stadt? Jürgen Habermas hatte zu diesem Zeitpunkt einen Aufsatz verfasst. „Moderne und postmoderne Architektur“ hieß der Text, eigentlich eine Rede, die er 1981 zur Eröffnung einer Münchener Ausstellung hielt. Den Städtebau der Nachkriegsjahrzehnte kritisiert er darin hart, seine „seelenlose Behälterarchitektur“, seinen „fehlenden Umweltbezug“, die „Menschenfeindlichkeit der Satellitenstädte“. Doch ging er nicht mit der Architektur ins Gericht, vielmehr mit der Stadtplanung. „Die Probleme sind nicht in erster Linie Probleme der Gestaltung, sondern Probleme der versagenden Steuerung, Probleme der Eindämmung und Bewältigung von anonymen Systemimperativen. Die Unterwerfung des Bauens unter neue funktionale, vor allem wirtschaftliche Imperative“, schrieb er. Das Bauen selbst sei „hilflos“ geworden.
Jetzt, wo die Diskussionen über eine IBA 2034–37 langsam anlaufen, machen sich in Berlin unterschiedliche Stimmen zum gebauten, geplanten und visionierten Berlin bemerkbar. Vordergründig mag es hier um die zwei scheinbar widerstreitenden Motive einer Gründerzeitstadt und der Stadt der Moderne gehen. Aber sie sagen auch viel über die Stadtplanung selbst aus, die das Bauen für Habermas so „hilflos“ hat dastehen lassen.
Da ist einmal das Buch „200 Jahre James Hobrecht. Planer des modernen Berlins“, herausgegeben vom Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin-Brandenburg. James Hobrecht sollte mit seinem Bebauungsplan von 1862, als Berlin noch 550.000 Einwohner hatte – bald dann die dreifache Zahl –, die Voraussetzung für einen massenhaften Wohnungsbau der Gründerzeit schaffen und ein homogenes Stadtbild mit einheitlicher, 22 Meter hoher Traufhöhe gleich dazu: die Mietskasernenstadt. Hobrecht war eigentlich ein Infrastrukturplaner und, wie es damals hieß, „Stadthygieniker“. Er legte Berlins moderne Kanalisation an, noch immer laufen die Abwässer der Stadt durch seine Tunnel. Hobrecht interessierte lange nicht, beim Bau der Berliner Mauer war sein Grab im Weg und wurde kurzerhand eingeebnet.
Wie ein Kontrapunkt zum Hobrecht-Buch findet jetzt im Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.) eine Ausstellung zum Kollektivplan statt. „Berlin plant. Stunde Null“ heißt sie. Kaum mehr im öffentlichen Bewusstsein ist, wie sich direkt nach dem Krieg im Auftrag sowohl der sowjetischen Verwaltung als auch der Alliierten unter der Leitung des modernen Architekten Hans Scharoun ein siebenköpfiges Team zusammentat und das kriegszerstörte, noch vom Nazigeist besetzte Berlin komplett neu plante. Mit Luise Seitz-Zauleck und Ludmilla Herzenstein waren auch zwei Frauen im Kollektiv. Aus den Zerstörungen der dichten Hobrecht’schen Mietskasernenstadt sollte eine „neue Stadt“ entstehen: eine von Grün durchzogene, aufgelockerte „Stadtlandschaft“ mit niedrigen, in Zeilen angeordneten Wohnbauten, die, wie es Scharoun ausdrückte, „Nesthaftigkeit“ versprachen. Die Gartenstadtbewegung des späten 19. Jahrhunderts und die funktionale Stadt, wie sie 1942 die „Charta von Athen“ des Congrès Internationaux d’Architecture Moderne (CIAM) formulierte, waren Vorbild. Beide Modelle wurden mit der Automobilisierung der Gesellschaft ein paar Jahre später zur autogerechten Stadt überreizt: „Wer ein Ziel hat, soll im Auto sitzen, und wer keines hat, ist ein Spaziergänger und gehört in den nächsten Park“, hieß es 1957 in einer Publikation des Westberliner Senats zum Bau- und Wohnungswesen. Da war der Kollektivplan schon Geschichte, das Berlin der Nachkriegszeit politisch gespalten und hatte die Stadtplanung in der Form der Tabula-rasa-Moderne bereits erste zerstörerische Züge angenommen.
Man müsse den Kollektivplan als eine These betrachten, so der Kurator der Ausstellung im n.b.k., Hansjörg Schneider, im Gespräch. Vielleicht als einen visionären Moment. Man stellte sich eine Stadt vor, die im Gegensatz zum autoritären, monumentalen Bauwesen der Nazis auf Gleichheit beruhte, kein Zentrum hatte, das alles bestimmt, und wo jeder ein Anrecht auf gesunde Wohnverhältnisse hatte. Und die sollten nicht nach der „kapitalistischen Bewirtschaftung des Bodens mit ihren Prinzipien der hohen Bodenrente“, sondern gemeinnützig organisiert sein. An der Bodenfrage aber scheiterte das Projekt wohl kurz nach 1946, die US-Militärverwaltung schien eine Enteignungsdebatte befürchtet zu haben. Paradoxerweise war das private Eigentum im Osten wie im Westen der Stadt später kein Hindernis mehr für den Wohnungsbau en masse, freilich unter Verwendung massiver öffentlicher Gelder.
Bis heute ist der Kollektivplan in Berlin sichtbar. Die Trümmerberge als landschaftliche Erhebung im Volkspark Friedrichshain oder am Humboldthain, der Tiergarten als großer innerstädtischer Park gehen auf ihn zurück, ebenso erste planerischer Instrumente der Partizipation, die heute in den Diskussionen über Teilhabe an der Stadtentwicklung oder „Planen von unten“ wieder aufkommen. Als das Kollektiv 1946 im Weißen Saal des noch stehenden Berliner Schlosses seine Entwürfe ausstellte, rief es auch einen Ideenwettbewerb aus, für Experten wie Laien gleichermaßen. Dabei reichte die Schriftstellerin Alix Rohde-Liebenau einen Text ein, den man aktuell auch in Programmen des progressiven Wohnungsbaus finden könnte: „Statt der Aufteilung in Tagzimmer und Nachtzimmer“, schrieb sie, „ist es praktischer, den einzelnen Familienmitgliedern einen Wohn- und Schlafraum zu geben […] Gerade darauf kommt es an, dass jeder seine vier Wände nach seinen eigenen Bedürfnissen aufteilt, nicht nach einem überkommenen Schema.“
Dennoch ist der Kollektivplan in die allgemeine Modernekritik geraten. Als „Wucherungen im Stadtgrundriss“ bezeichnete ihn der Berliner Architekt Hans Kollhoff in der FAZ. Kollhoff hatte kürzlich mit seinem Kollegen Tobias Nöfer, der auch im erwähnten Berliner Architekten- und Ingenieurverein aktiv ist, eine Bebauung des Tempelhofer Felds vorgestellt – auf eigene Initiative und über die Ergebnisse eines Ideenwettbewerbs samt Bürger:innenbeteiligung hinweg. 21.400 Wohnungen wollen sie auf rund einem Drittel der seit Jahren umkämpften Freifläche errichten. Wie? In „Rückbesinnung auf die einzigartige Tradition des Berliner Stadtbaus seit James Hobrecht“: in kleinteilig parzellierter Blockrandstruktur mit vorgegebener Firsthöhe, in solider bis monolithischer Bauweise, mittels Gliederung durch Sockel und Traufe. Das Berliner Mietshaus, wie es als Ausdruck der Wohnungsfrage zur Zeit der Industrialisierung entstand, ist hier nicht nur als Typus Vorbild. Hier will man auch gestalterisch zurück in die Vergangenheit.
Eine Rückkehr zum Hobrecht-Plan also, zum berüchtigten „steinernen Berlin“, wie es auch in der n.b.k.-Ausstellung als städtebauliches Kontrastbild zum Kollektivplan gezeigt wird. Das greift eine alte Polemik des Architekturpublizisten Werner Hegemann von 1930 auf. Hegemann verdammte das Hobrecht’sche Berlin für seine überbelegten Mietskasernen, die Schlafgänger, die elenden Verhältnissen in dunklen Hinterhöfen. Das scheint jedoch eher ein Zerrbild zu sein, das man mit dem kürzlich veröffentlichten Hobrecht-Buch wieder auflösen möchte. Vielmehr muss der Hobrecht-Plan vom harten liberalistischen System zur Kaiserzeit ausgehöhlt worden sein, von mangelnden Rechten für Mieter:innen, der spekulierenden Immobilienwirtschaft und der unsteten, eine maximale Bodenausnutzung begünstigenden Bau-Polizei-Ordnung.
Denn der Hobrecht-Plan war eher eine Art „Freihalteplan“, wie es im Buch heißt. Er regelte, wie der öffentliche Raum geformt ist und wo nicht gebaut werden darf, „der Fokus lag auf einem gut funktionierenden, städtischen Straßennetz, einer gleichmäßigen Verteilung von Quartiersplätzen“. Und es ging Hobrecht um etwas, das bis heute Urbanität vermittelt: Er setzte mit seinen Gebäudeblöcken auf Durchmischung: Gewerbe, Arbeiten, Wohnen, Verwalten– alles in einem Quartier. „Man solle sich die Frage vorlegen: Wie wohnen alle Bewohner einer Stadt verhältnismäßig am besten?“, schrieb er 1890. „Nicht Abschließung, sondern Durchdringung scheint mir aus sittlichen und darum aus staatlichen Rücksichten das Gebotene zu sein.“
Retrofans wie Kollhoff und Nöfer bringen den Hobrecht-Plan jetzt für die kommenden Diskussionen über eine IBA 2034–37 ins Spiel, aber auch die ehemalige Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen von der Linken, Unterstützerin des Mietendeckels und Mitautorin des Buchs, Karin Lompscher. Vielleicht, weil der Plan mit seinen Quartieren um öffentliche Platzanlagen herum und der gemischten Nutzung heutige stadtplanerische Konzepte gut auffangen kann – Schwammstadt, 15-Minuten-Stadt, Bürger:innenbeteiligung. Als städtebauliche Struktur, nicht als baulicher Stil, der in Nostalgie verfällt „und einer vor sich selbst fliehenden Gegenwart eine Kostümierung in geliehenen Identitäten verleiht“, um noch einmal Habermas zu zitieren. Der hatte auch 1981 eine Lösung angedeutet, was man den „Imperativen des Marktes“ entgegnen könne, die das Bauen so „hilflos“ gemacht hatten: Es gehe darum, die „willensbildende Kommunikation der Beteiligten mit den Medien Macht und Geld in Konkurrenz treten zu lassen“.
„Berlin plant. Stunde Null“. Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.), bis 2. August
„200 Jahre James Hobrecht“. Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin-Brandenburg, Harald Bodenschatz (Hrsg.). Wasmuth Verlag, Berlin 2026. 128 Seiten, 24 Euro
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