Wofür wir arbeiten in Deutschland: Denkmäler nicht gelebten Lebens
Vor zehn Jahren lernte unser Kolumnist Frank-Walter Steinmeier kennen, der bat, auf dem Laufenden gehalten zu werden. Heute geht es um die Almancıs.
Foto: Klaus Rose/imago
L assen Sie mich Ihnen, Herr Bundespräsident, eine Geschichte erzählen. Vielleicht passt sie zur aktuellen Situation, in der die Diskussion um die Pflegereform beinahe zum Scheitern der Koalition geführt hätte.
Kurz vor Ihrem eigenen Renteneintritt haben Sie sich angeblich eingeschaltet und, wie RTL es formulierte, „Deutschland gerettet“. Ich persönlich habe den Glauben verloren, jemals in Rente gehen zu können. Deshalb möchte ich Ihnen die Geschichte einiger Almancıs erzählen, die sich dem Rentenalter nähern.
Kolumne Keep me updated
Vor zehn Jahren, als Ali Celikkan als junger Journalist aus der Türkei gerade in Berlin angekommen war, traf er Frank-Walter Steinmeier unerwartet im Parlament. Ganz beiläufig und ohne Kontext sagte er einen einzigen Satz zu ihm: „Keep me updated.“ Seitdem ist viel passiert. Diese Kolumne ist sein lang ersehntes Update, über all jenes, das er (als Bundespräsident) sonst verpasst. Alle Texte dieser Kolumne finden Sie hier.
Falls Ihnen dieser Begriff nicht geläufig ist: Er entstand im 19. Jahrhundert zur Bezeichnung von Strömungen, die das deutsche Kaiserreich unterstützten. Heute wird er in der Türkei vor allem für Menschen verwendet, die aus der Türkei nach Deutschland eingewandert sind, sowie für ihre hier geborenen Kinder.
Je nachdem, wer ihn verwendet, kann der Begriff abwertende Konnotationen haben. Das Wort „Alman“ ist Ihnen sicherlich bekannt. Die Suffixsilbe „-cı“ wird im Türkischen auch für Berufe oder Tätigkeiten verwendet, die jemand zu einer Gewohnheit gemacht hat. In diesem Sinne könnte man „Almancı“ also als Menschen verstehen, die Deutschland zu ihrem Beruf gemacht haben.
Über Nacht weiß geworden
„Wenn du nicht nach Deutschland kommst, um Geld zu sparen, was machst du dann hier überhaupt?“, fragt der Mann – und seine Frage beschämt mich ein wenig. Er lebt seit den Achtzigern hier und arbeitet jeden Tag 16 Stunden in seinem Späti. Obwohl ich ihn seit Jahren kenne, habe ich ihn noch nie außerhalb seines Ladens gesehen. Und wenn, dann war er gerade für seinen Laden einkaufen.
Er ist noch nie an einen Ort gekommen, zu dem ich ihn eingeladen habe. Nicht, weil er nicht wollte, sondern weil das nicht sein Leben ist. Ihre Haare, Herr Bundespräsident, sind über Nacht weiß geworden – und das mit gerade einmal 24 Jahren. Seine Haare sind hingegen im Laufe der Jahre weiß geworden, während er arbeitete – ohne auch nur einen einzigen Sonntag freizunehmen.
Bitte denken Sie nicht, ich würde behaupten, Sie würden zu wenig arbeiten – das würde ich niemals tun! Außerdem habe ich von mindestens einem Bundespräsidenten gehört, dass er ein Workaholic ist – vermutlich sind auch Sie einer.
Und da ich mich gerade entschuldige: Die Information über Ihre Haare habe ich in einem Buch gelesen. Ich hoffe, sie stimmt. Ich möchte nicht heute Abend noch einmal von der Zeitung angerufen werden, nur damit dann unter meinem Artikel steht: „Das war falsch.“
Menschen, die nicht sparen können
Nun aber zurück zu unserem Thema. Sein ganzes Leben verbringt unser Mann damit, hier zu arbeiten. Das dabei angesammelte Kapital – sofern er es nicht irgendeinem Betrug zum Opfer bringt – investiert er in Immobilien oder baut selbst welche. Manchmal sind diese Gebäude auch vermietet – wie Denkmäler eines nicht gelebten Lebens.
Denn nach all den Jahren ist das Mittel vielleicht längst zum Zweck geworden. Wird er überhaupt jemals aufhören zu arbeiten? Wie wird das aussehen? Wo wird er dann sein?
Es gibt natürlich auch Menschen, die nicht sparen können. Die harte Arbeit hat sie früh zugrunde gerichtet. Vielleicht haben sie ihr Geld durch Zocken und Saufen verschwendet, um alles ertragen zu können. Sie werden krank, können nicht mehr arbeiten und sind auf Pflege angewiesen. Manchmal verübeln sie es denjenigen, die nicht arbeiten, weil ihnen das selbst das Leben gestohlen hat.
Und dann gibt es noch einen dritten Typ. Er ist nicht die Regel, sondern die Ausnahme – und zugleich alles auf einmal. Er ist die Karikatur dessen, was ein Teil der Menschen in der Türkei, die nichts über die Almancı wissen, an ihnen hasst. Er bezieht Leistungen vom Jobcenter und hat gleichzeitig einen Vollzeitjob, sodass er in seiner Heimat Häuser bauen kann. Er ist konservativ, hat die AKP gewählt und ist auch Alkoholiker. Oder war, denn vor Kurzem hat sich alles geändert. Aber, Herr Bundespräsident, mir ist der Platz ausgegangen. Wie man so sagt: I will keep you updated.
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