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Wirtschaftswunder auf Italienisch

Aus Campolo/Bologna Judith Eisinger

Vier weißhaarige alte Männer und ein brauner Pudel warten auf der Piazza. Da tritt Ilenia degli Esposti, 27 Jahre jung mit strengem Dutt, aus einem historischen Natursteinhaus auf die frisch gepflasterte Gasse hinaus. Hinter ihr ist die Baustelle noch in Betrieb, doch bald soll ihre Trattoria hier in Campolo, mitten in den Bergen der Emilia-Romagna, eröffnet werden. Wiedereröffnet, denn bereits in den Sechzigerjahren konnte man hier bei ihrer Großmutter speisen. Die Herrengruppe kennt die Trattoria Anna noch von früher. „Sie helfen mir und erzählen mir, wie es früher war“, sagt die junge Wirtin.

Degli Esposti ist in Campolo aufgewachsen und kennt den Ort in- und auswendig. Wenige Sträßchen mit viel Steigung, geradezu ein weiter Blick über Wälder und Hügel, im Rücken der steinige Gipfel des Montovolo. Es ist still in den Gassen. Vielleicht auch, weil hier – je nachdem, wen man fragt – nur zwischen 10 und 30 Menschen durchgängig hier leben; im Sommer sind es mehr, wenn Menschen aus der Stadt in ihren Zweitwohnsitz kommen. „Dieser Ort liegt mir sehr am Herzen“, sagt sie. Aber nach dem Tod der Großmutter gab die Familie das Restaurant ab.

Dann war es 15 Jahre lang geschlossen. Als es um den Verkauf des Gebäudes an die Gemeinde ging, hat die junge Frau einen Kloß im Hals gehabt. Doch nach der Renovierung aus öffentlichen Mitteln kam die Trattoria per öffentlicher Ausschreibung zurück in ihre Hand. Sie war die einzige Bewerberin.

Dass diese Trattoria an diesem Ort renoviert und wieder eröffnet wird, grenzt an ein Wunder, und das Wunder hat einen Namen: Piano Nazionale di Riprese e Resilienza, kurz PNRR, zu Deutsch: „Nationaler Wiederaufbau- und Resilienzplan“. 194,4 Milliarden Euro hat Italien 2021 aus dem europäischen Coronafonds „Next Generation EU“ erhalten, der den Mitgliedsstaaten aus der Krise der Pandemie helfen sollte. Von den über 800 Milliarden EU-Geldern bekam Italien das größte Paket bewilligt.

Zum Vergleich: Der US-amerikanische Marshallplan für den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg sah für ganz Europa umgerechnet und inflationsbereinigt weniger als 160 Milliarden Euro vor. Eine einmalige Gelegenheit also – aber mit ordentlich Zeitdruck: Nach der EU-Zusage vom 13. Juni 2021 hatte das Land genau fünf Jahre Zeit (bis 30. Juni 2026), um die Gelder im ganzen Land zu investieren.

20 Millionen Euro aus diesem Aufbaufonds sind hier in Campolo gelandet. In jeder italienischen Region gibt es ein Bergdorf, dem das Kulturministerium 20 Millionen Euro für ein Projekt zur Verfügung stellte. Erklärtes Ziel: die Wiederbelebung der „borghi“, der kleinen Altstadtkerne insbesondere in bergigen Gebieten. Die Finanzierung hat ausdrücklich das Ziel der Kultur- und Tourismusförderung, nicht etwa der Verbesserung der allgemeinen Verkehrsanbindung.

Wie sinnvoll ist es, einen derart kleinen Ort mit Millionen für Kultur und Tourismus zu überschütten? Hier, gut eine Autostunde entfernt von Bologna, ist der Aufbaufonds sehr greifbar. Das ganze Dorf ist herausgeputzt, die Gebäude sind frisch renoviert, neue Kabel und Leitungen sind teils noch etwas improvisiert über die Straße gespannt. Obwohl die Frist für die Gelder schon Ende Juni verstrichen ist, laufen an diesem Spätsommertag noch einige Arbeiten. Die neue Jugendherberge bekommt noch einen Bürgersaal und eine Fahrradwerkstatt im Souterrain, die Trattoria bereitet sich auf die Neueröffnung vor.

Mit den 20 Millionen Euro hat die Gemeinde zuerst elf Immobilien in den Dörfern Campolo, La Scola und Riola gekauft und renoviert. Daraus sind Ferienwohnungen, eine Jugendherberge, kleine Apartmentwohnungen, eine Trattoria und ein Kulturzentrum entstanden. Auch der Sportplatz bekam neue Geräte und energiesparende Beleuchtung. Ganz im Sinne einer Investition in den Tourismus. Nur: Woher die Be­su­che­r:in­nen zukünftig kommen sollen, ist unklar.

Mit dem Projekt wurde zwar auch eine Touristenattraktion unten im Tal, die Rocchetta Mattei, restauriert. Das historische Schloss soll als Magnet wirken. Doch während im Tal der Zug hält, ist Campolo ohne eigenes Auto kaum zu erreichen. Dafür hat die Gemeinde einen kleinen E-Bus gekauft, um einen Pendelservice einzurichten. Doch jetzt, da der Aufbaufonds offiziell beendet ist, gibt es kein Geld für ei­ne:n Fahrer:in.

Neben dem Tourismus setzt die Gemeinde mit dem Projekt auch auf Kunst und Handwerk, dazu gehören Künstlerresidenzen und die Aufwertung der traditionellen Steinmetzerei. Neu ist der Fortbildungskurs für Re­stau­ra­teu­r:in­nen der Universität Bologna, an dem gerade der erste Jahrgang mit 20 Studierenden teilnimmt.

Nach der Corona­pandemie lagen die Prioritäten der Region bei der Schaffung von Arbeitsplätzen in der Industrie und dem Bauwesen

Anna, Beraterin für Gemeinden

„Wenn die Wahl auf uns gefallen ist, bedeutet das, dass unser Projekt Potenzial hat“, sagt Joanna Soroko überzeugt. Sie hat das Großprojekt „Da Campolo l’Arte fa Scola“ in den drei Orten vonseiten der Gemeinde begleitet. Während sie im bislang einzigen Gasthaus von Campolo von ihrem Herzensprojekt erzählt, grüßt sie die ein- und ausgehenden Personen, informiert sich über den Wurf Katzenbabys im Garten gegenüber, und muss darum kämpfen, ihren Espresso auch bezahlen zu dürfen. „Als ich ankam, wusste ich nicht genau, in welcher Abteilung ich landen würde. Als man mir dann aber dieses Projekt vorschlug, dachte ich: Wow, was für eine Möglichkeit!“

Wenige Tage später erweist sich der Eröffnungsabend von Ilenia degli Espostis Trattoria als Erfolg: volles Haus. Sowohl die lokalen Ein­woh­ne­r:in­nen sind gekommen als auch diejenigen mit Ferienhäusern, die eigens aus der Stadt angereist sind. Langjährige Einheimische zeigten beim Betreten des Lokals Rührung. „Manch einer hatte Tränen in den Augen“, erzählt degli Esposti. Auch die Reservierungen sind vielversprechend. „Am Wochenende, vor allem Samstagmittag und Sonntagmittag, sind wir bis Mitte November ausgebucht“, so die Gastronomin.

Für den Ort bedeutet das eine erhebliche Veränderung. „Es gab früher Abende, an denen wir hier zu viert in völliger Dunkelheit in der Bar saßen. Wir sagten immer, wir sind von Gott vergessen“, erzählt die Wirtin. „Meine Hoffnung ist, immer Bewegung und beleuchtete, offene Häuser hier zu sehen.“ Und die Herren von der Piazza haben keine Zweifel: „Natürlich schafft sie das. Mit der Energie, die sie hat!“

Nur 60 Kilometer, aber über eine Autostunde entfernt, bewertet Anna Lisa Boni in ihrem Büro im Rathaus von Bologna den Aufbaufonds als „Geschenk des Himmels“. Sie ist als Stadträtin für EU-Fördermittel zuständig. Diese Meinung teilen auch ihre Kol­le­g:in­nen aus den umliegenden Gemeinden Grizzana Morandi und Ozzano dell’Emilia.

Leicht gefallen ist es aber weder den kleinen noch den großen Gemeinden, die Geldflut in den Griff zu bekommen. „Wir sind durchgedreht“, erzählt Anna Lisa Boni ruhig. Projekte im Wert von rund 780 Millionen Euro hatte die Stadt umzusetzen. Dabei ist die Bologneser Stadtverwaltung mit rund 4.000 Angestellten vergleichsweise gut aufgestellt.

Anders sieht es in den kleinen Gemeinden im Apennin aus. Die Stadtverwaltung von Grizzana Morandi etwa besteht aus 21 Angestellten, die 4.000-Einwohner-Gemeinde hat den Zuschlag für Aufbaufondsprojekte in Höhe von knapp 21 Millionen Euro bekommen. Rein mathematisch: 1 Million pro Angestellte. Joanna Soroko aus Grizzana Morandi sagt nach dem offiziellen Projektende im September 2026 klipp und klar: „Die Gemeinde war es nicht gewohnt, mit so viel Geld umzugehen.“

Manche Kommunen haben deshalb auf Aufbaufondsfinanzierungen verzichtet. Ozzano dell’Emilia beispielsweise hat keine Gelder für die Hochwasserschäden beantragt. Laut Stadtrat Fabio Lanzarini lag die Schwierigkeit darin, geeignete Unternehmen zu finden, die diese Projekte innerhalb der EU-Frist umsetzen können. Denn der PNRR umfasst insgesamt knapp 300.000 Projekte, die in ganz Italien zwischen 2021 und 2026 liefen. „Selbst wenn ‚unbegrenzte‘ Mittel zur Verfügung stünden, hätten wir nicht die Fachkräfte, um die Bauvorhaben zu realisieren“, so Lanzarini.

Einen genauen Einblick in die Schwierigkeiten haben Anna* und Marco*, die als externe Be­ra­te­r:in­nen viele Gemeinden in der Emilia-Romagna bei der Umsetzung der Aufbaufondsprojekte unterstützt haben. Sie möchten ihre kritischen Einblicke nur anonym teilen. „Das Hauptproblem bestand darin, dass das Reformpaket hastig und ohne Berücksichtigung des Gesamtkontexts geschnürt und dem Land von oben aufgezwungen wurde“, fasst Anna zusammen. Geschrieben hat die Regierung den nationalen Plan zwischen Herbst 2020 und Frühjahr 2021.

Zeitgleich kämpfte Italien stark mit den Auswirkungen der Coronapandemie, im Dezember 2020 kam es zu einem traurigen Höhepunkt mit 993 Toten an einem einzigen Tag. Anfang 2021 zerbrach zudem die Regierungskoalition unter Giuseppe Conte, ihm folgte die Regierung unter Mario Draghi. Wie sollte Italien neben diesen Krisen einen strategischen Plan für ein milliardenschweres Investitionspaket entwerfen?

Neben dem unausweichlichen Fachkräftemangel bei Dutzenden parallel laufenden Projekten sind die strikten Fristen des Aufbaufonds ein Risiko. Gerade wenn es zu Verspätungen bei Ausschreibungen kommt. Marco nennt ein paar Beispiele: „Eine Firma geht bankrott oder hat eine Antimafiasperre für öffentliche Verträge. Es gibt eine ganze Reihe von Problemen.“ Und dann ist da noch ein Punkt, den die Ge­mein­de­ver­tre­te­r:in­nen durch die Bank ansprechen: der bürokratische Aufwand, der mit der Verwaltung und Abrechnung der Projekte einhergeht. Als „erdrückend“ bezeichnet Marco ihn. Das hat auch bei den Angestellten Spuren hinterlassen. „Viele erlebten einen Burn-out.“

Das Hauptproblem bestand darin, dass das Reformpaket hastig und ohne Berücksichtigung des Gesamtkontexts geschnürt und dem Land von oben aufgezwungen wurde

Anna, Beraterin für Gemeinden

Um dem entgegenzuwirken, sah der Aufbaufonds das Projekt „1.000 Experten“ vor, mit dem eintausend Ex­per­t:in­nen per öffentlicher Ausschreibung ausgewählt und den Gemeindeverwaltungen im ganzen Land zur Verfügung gestellt werden sollten. Auch hier bestimmte Zeitdruck das Vorgehen. Am 12. November 2021 veröffentlichte Italien die Ausschreibung, schon am 20. Januar 2022 war die Liste der ausgewählten Ex­per­t:in­nen online. Die jeweiligen Auswahlgespräche sollen zehn Minuten gedauert haben.

Das Resultat: Lebensläufe wurden nicht ausreichend geprüft, die Expertise passte nicht zur Nachfrage. „Man hat uns sieben Experten zur Verfügung gestellt, die uns nichts genutzt haben“, sagt Anna Lisa Boni. Sie hätte lieber direkt Personen in der Stadtverwaltung angestellt.

Dann kam im Mai 2023 ein Hochwasser historischen Ausmaßes. 17 Menschen verloren ihr Leben. Der materielle Schaden wurde auf knapp 9 Milliarden Euro geschätzt. Schnell wurden Stimmen laut, die forderten, Gelder aus dem Aufbaufonds einzusetzen. Das sah der Plan aber nicht vor.

„Nach der Coronapandemie lagen die Prioritäten der Region bei der Schaffung von Arbeitsplätzen in der Industrie und dem Bauwesen“, sagt Beraterin Anna. Ökologischer Wandel: ja, aber mit Schwerpunkt auf erneuerbare Energien. „Die Überschwemmungen 2023 und 2024 haben alle Statistiken […] über den Haufen geworfen. Wetterereignisse, von denen man bis dahin angenommen hatte, sie würden im Abstand von 50 oder 100 Jahren eintreten, haben innerhalb von zwei Wochen stattgefunden“, ergänzt Fabio Lanzarini, Stadtrat für öffentliche Bauvorhaben in der Gemeinde Ozzano, die von beiden Fluten getroffen wurde. Um hierfür Prävention zu betreiben, bräuchte es ein Projekt mit einer Laufzeit von mindestens zehn Jahren, sagt der externe Berater Marco. Der Aufbaufonds war jedoch nur auf fünf Jahre ausgelegt.

Italien bat in Europa darum, den Plan anpassen zu dürfen, und konnte letztlich Gelder für Notfallmaßnahmen freigeben. Die Stadträtin in Bologna bestätigt: „Wir haben zwar Geld erhalten, aber nicht viel, und zudem erst im Laufe des Projekts.“ Trotzdem nutzte das Bologneser Rathaus die Ressourcen, um zerstörte Straßen zu reparieren. Dazu gehört die Via del Paleotto, die am Fluss Savena entlangführt und bei der Überschwemmung 2023 in sich zusammenstürzte. Die Straße führte zum Kulturzentrum Paleotto11 und liegt direkt neben einem Park.

Als die Straße zerstört wurde, waren neben dem Kulturzentrum auch Wohngebäude und die Schrebergartenanlagen nicht mehr erreichbar. Nach zwei Wochen wurde die Straße für An­woh­ne­r:in­nen wieder geöffnet. Dann kam das zweite Hochwasser anderthalb Jahre später. „Eine Schlammwelle hat buchstäblich das Kulturzentrum durchquert“, sagt Martina del Prete, Vorsitzende des Kulturzentrums. Der Schlamm war einen halben Meter hoch. Erst dieses Jahr konnte die Straße wieder für den normalen Autoverkehr freigegeben werden.

Kurz zuvor waren über 1.100 Bäume im Park gefällt worden, um Platz für eine Hochstraße zu schaffen. Martina Del Prete sieht hier einen Zusammenhang. „Wahrscheinlich hat die Tatsache, dass entlang der Straße so viele Bäume gefällt wurden, dazu geführt, dass die Kraft des Flusses die Straße leichter durchbrechen konnte.“ Die Stadt investierte 600.000 Euro aus dem Aufbaufonds, um die Straße zu erneuern.

Zunächst jedoch hieß es, die Gelder aus dem Fonds dürften nicht für Bodenversiegelung ausgegeben werden, da er, wie von Europa vorgegeben, unter dem Zeichen des ökologischen Wandels stand. „Nicht mal 1 Euro Asphalt darfst du abrechnen“, so Berater Marco, „und das ist auch sinnvoll.“ Immerhin, im Fall der Flutschäden, die durch Bodenversiegelung verschärft werden, gab es eine Ausnahme für die beschädigten Straßen.

Italien ist wiederaufgebaut. Ist es auch auf die nächste Katastrophe vorbereitet? Unmöglich ist das nicht. Das Risiko, in Campolo (oder in einem anderen der 21 ausgewählten Dörfer im Land) 20 Millionen Euro in einem kurzlebigen, oberflächlichen Aufschwung zu versenken, besteht. Die gemeinnützige Stiftung openpolis, die eine öffentliche Datenbank zum Aufbaufonds betreibt, schreibt Ende September: Noch immer gebe es „viele Projekte, zu denen keine Informationen vorliegen“.

Auch die beiden externen Be­ra­te­r:in­nen Anna und Marco bestätigen Schwierigkeiten beim Monitoring und der Transparenz. „Wenn die Gemeinde keine Daten hochlädt, erfährst du nichts“, sagt Marco. Anna geht noch einen Schritt weiter: „Meiner Meinung nach ist das Monitoring völlig in den Hintergrund geraten. Man hat aufgehört, darüber zu sprechen, weil die Resultate ziemlich erschreckend waren.“

Ganz anders klingt es, wenn man Ministerpräsidentin Giorgia Meloni zuhört. Sie betont über die Jahre immer wieder, Italien sei in Sachen Next Generation EU „auf dem ersten Platz“. Das stimmt unter einem Gesichtspunkt: Italien erhielt von allen EU-Ländern den größten Betrag. Doch was Projektfortschritte über die Jahre angeht, ist die Behauptung schwer zu halten. Prozentual gesehen, auf die Anzahl der Raten bezogen oder gar mit Blick auf für konkrete Projekte eingesetzte Gelder – bei diesen Aspekten war Italien meist runter vom Podium und sicherlich nicht auf dem ersten Platz.

Am 30. Juni 2026, dem offiziellen Ablaufdatum des Aufbaufonds, war es still auf den Social-Media-Kanälen der Ministerpräsidentin. Ein umfassender Abschlussbericht oder ein Wirkungsmonitoring scheinen noch weit entfernt. Die italienische Wirtschaft konnte in den letzten Jahren auch dank der Rieseninvestments des Next Generation EU ein kleines Wachstum vorweisen. Inwiefern der Aufbaufonds tatsächlich Resilienz hergestellt hat, wird sich erst im Laufe der nächsten Jahre zeigen.

Für die Gemeinden geht vorerst eine arbeitsintensive Zeit zu Ende. Anna Lisa Boni fasst es für die Bologneser Stadtverwaltung so zusammen: „Wir wissen nun, dass wir Wunder vollbringen können!“ Manche kleine Gemeinde hat sich erstmalig mit EU-finanzierten Projekten auseinandergesetzt und gelernt: Auch wir können an diese Fördertöpfe ran.

Der Aufbaufonds fördert Projekte, für die sonst kein Geld dagewesen wäre. Fragt man Beraterin Anna, was am Ende bleibt, schießt ihr sofort „wenig“ aus dem Mund. „Man sieht wenig davon, man spürt wenig davon, man spricht wenig darüber, man versteht nicht so recht, wohin dieses Geld geflossen ist.“ Marco neben ihr versucht es mit etwas Optimismus: „Letztendlich wurde vieles erreicht, vieles hätte jedoch besser gemacht werden können.“

Anderthalb Kilometer weiter im Rathaus von Bologna zählt Anna Lisa Boni die für sie deutlichsten Veränderungen auf: Digitale Plattformen für die öffentliche Verwaltung und „die Straßenbahn, die Fahrradwege, die Elektro- und Wasserstoffbusse sowie die Schulen“ seien die sichtbarsten Projekte für sie.

Und das Dörfchen Campolo erstrahlt nun in neuem Glanz, aber wiederbelebt ist die Gemeinde damit noch lange nicht. Mit der enormen Summe von fast 200 Milliarden Euro hat sich Italien eine kaum stemmbare Last aufgeladen. Wie nachhaltig die Gelder in den letzten fünf Jahren verwendet wurden, wird erst die Zukunft zeigen. Joana Sokolos Vertrag ist jedenfalls schon Ende August abgelaufen. Wer zukünftig die Vielzahl an Projekten und Immobilien in den drei Ortschaften betreuen und mit Leben füllen soll, treibt sie um. Denn ohne die Sondergelder gibt es ihre Stelle nicht mehr.

Ihr Blick schweift über die frisch renovierten Häuser, die neu gepflasterte Straße, die erneuerte Straßenbeleuchtung. Dann schaut sie einem wieder direkt in die Augen: „Am 30. Juni haben alle gesagt: ‚Es ist vorbei.‘ Aber jetzt wird’s erst wirklich spannend.“