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WirtschaftWenn der Job an der Wohnung scheitert

Bezahlbare Wohnungen fehlen fast überall – und das wird zunehmend auch für Unternehmen zum Problem. Wer keinen Superlohn erwarten kann, macht um den teuren Südwesten immer häufiger einen Bogen. Schnelle Linderung ist nicht in Sicht. Kommt jetzt die Werkswohnung zurück?

Der Arbeitsvertrag ist unterschrieben, die Stelle ist endlich besetzt – doch der Umzug scheitert an der Wohnungsfrage. Jedes dritte Unternehmen in Stuttgart und der Region hat das bereits erlebt. In einer Umfrage der IHK Region Stuttgart Ende vorigen Jahres berichteten Firmen, dass Bewerber:innen eine Stelle nicht antraten, weil sie keine bezahlbare Unterkunft fanden. Fast jedes fünfte Unternehmen meldete deswegen sogar Kündigungen. Die Beschäftigten konnten sich dauerhaft keine Wohnung leisten. Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum in den Großstädten erschwert die Suche nach Fachkräften spürbar, sagt die Mehrheit der Stuttgarter Unternehmen.

Im vergangenen Jahr wurden nur etwa 20.000 neue Wohnungen in Baden-Württemberg genehmigt. So wenige Baugenehmigungen gab es seit Beginn der offiziellen Zählungen im Jahr 1979 nicht mehr.

Nicole Razavi (CDU), seit 2021 baden-württembergische Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen, befürchtet, dass die Wohnungsknappheit zunehmend auch einkommensstärkere Gruppen und die Wirtschaft betrifft. „Wenn Menschen bei uns keine Wohnung finden, dann gehen sie woanders hin“, sagt sie gegenüber Kontext. „Eine solche Abwanderung wäre für den Standort Baden-Württemberg und für unser gesamtes Wohlstandsmodell ein dickes Problem.“

Als Unternehmen nochganze Siedlungen bauten

Lange als überholtes Modell belächelt, kehrt die Werkswohnung nun in die Personalstrategien mancher Unternehmen zurück. Ihren Ursprung hat sie in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung Fahrt aufnahm. Damals begannen Industrieunternehmen eigenen Wohnraum für ihre Beschäftigten zu bauen. Die Arbeiter:innen sollten nicht nur versorgt und gebunden werden, die Werkswohnungen, aus denen schnell ganze Siedlungen entstanden, waren auch ein Mittel der sozialen Kontrolle.

In den industriellen Hochburgen des Ruhrgebiets begannen Unternehmen wie Krupp oder die Zeche Zollverein in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Bau einfacher Wohnanlagen, die auch Bildungseinrichtungen und soziale Dienste umfassten. Ab 1872 baute die BASF in Ludwigshafen Werkswohnungen, um den Beschäftigten angemessenen Wohnraum in der Nähe des Werks zu bieten.

Ein Beispiel früher Werkswohnungsarchitektur in Baden-Württemberg ist die Spiegelkolonie in Mannheim-Waldhof. Sie wurde ab 1852 von der französischen Spiegelglasmanufaktur Saint-Gobain für ihre aus Frankreich stammenden Arbeiter errichtet. In den 1960er-Jahren wurde die Kolonie fast vollständig abgerissen. In den 1980er- und 1990er-Jahren verkauften viele Unternehmen ihre Werkswohnungen oder gaben sie auf.

Die BASF hat hingegen noch rund 6.000 Wohnungen im Bestand. „Wir sind davon überzeugt, dass dieses Angebot die Rekrutierung von Fach- und Arbeitskräften erleichtert und zur Mitarbeiterbindung beiträgt“, sagt ein Sprecher des Chemie-Unternehmens. Auf Jobmessen werde das Angebot regelmäßig als Pluspunkt des Unternehmens angesehen und die Nachfrage sei ungebrochen hoch. Über eine eigene Wohnungsbaugesellschaft verfügt auch der Technologiekonzern Bosch noch über 2.350 Wohnungen, davon etwa 2.000 im Großraum Stuttgart. Derzeit werden etwa neu errichtete Wohnungen in Wernau zu einem Preis von knapp 14 Euro pro Quadratmeter angeboten. Bundesweit baue Bosch derzeit 250 neue Wohnungen.

Ohne Wohnung kommt kein Pflegepersonal

Besonders viele betriebseigene Wohnungen unterhalten Krankenhäuser, allen voran das Klinikum Stuttgart. Derzeit stellt das Krankenhaus Wohnraum für rund 1.000 Beschäftigte zur Verfügung. Vor einem Jahr wurden in Bad Cannstatt rund 170 neue eröffnet. „Alle Wohnungen wurden schnell vermietet und sind belegt“, sagt Stefan Möbius vom Klinikum Stuttgart. Das Besondere: Die Mietpreise werden an das Einkommen geknüpft. Auch der Personalrat ist in die Auswahl eingebunden. Die Nachfrage nach den betriebseigenen Wohnungen übersteige das Angebot bei Weitem, sagt Möbius.

Auch das städtische Klinikum Karlsruhe bietet fast 250 Wohnungen und WG-Zimmer überwiegend für Schüler:innen, Studierende und internationale Pflegefachpersonen an. Um mit der hohen Nachfrage mitzuhalten, kooperiert das Klinikum wie auch die Klinik Stuttgart mit dem städtischen Wohnungsbauunternehmen.

Nachdem die grün-schwarze Landesregierung im vorigen Jahr 30 Millionen Euro für Azubi-Wohnheime vom Bund nicht in Wohnheime, sondern in den normalen Wohnungsbau umgeleitet hatte, hat das Razavi-Ministerium es mittlerweile geschafft, für eben diese Bundesmittel ein Förderprogramm zu stricken, das gezielt Wohnheime für Auszubildende unterstützt. Die Nachfrage sei groß, heißt es aus dem Ministerium. Wie schnell und wo tatsächlich gebaut wird, ist dagegen unklar.

Wohnraum? Nicht unser Problem

Schon seit 2020 besteht ein landeseigenes Förderprogramm für Mitarbeiterwohnungen. Seit 2022 wurden für 21 Projekte 36,7 Millionen Euro bewilligt, heißt es auf Anfrage von der federführenden L-Bank. Insgesamt seien so bislang 474 Wohneinheiten gefördert worden. Die Wohnprojekte seien auch hier vor allem in den Bereichen medizinische Versorgung, Pflege und Betreuung angesiedelt.

Während in der Gesundheitsbranche und im Handwerk offen über die Probleme bei der Personalgewinnung durch den Wohnungsmangel gesprochen wird, will man bei großen Unternehmen im Land auf Kontext-Anfrage nichts von derartigen Schwierigkeiten wissen. Von Absagen potentieller neuer Mitarbeiter:innen wegen Wohnungsmangel wussten Mercedes-Benz, EnBW oder 1&1 nichts zu berichten. „Sicherlich ist es hin und wieder ein Thema in Vorstellungsgesprächen, wenn potenzielle Kandidatinnen und Kandidaten aus entfernteren Regionen kommen“, sagt ein Sprecher des Autoherstellers Porsche. Häufig könnten dann aber Kolleg:innen helfen, heißt es von den genannten Großkonzernen. Nur die EnBW hält 170 Betriebswohnungen in Baden-Württemberg. Mercedes hat seine Werkswohnungen längst aufgegeben. Die anderen Unternehmen sagen, sie unterstützten in Einzelfällen bei der Suche oder setzen wie Porsche auf Kontakte.

Trotz einzelner Ausnahmen wie bei den Neubauten von Bosch oder beim Klinikum Stuttgart bleiben Werkswohnungen in Baden-Württemberg wie auch bundesweit eher die Ausnahme. Größtenteils überlassen die Unternehmen das Thema Wohnen weiterhin dem Markt. Dabei ist bezahlbarer Wohnraum längst nicht mehr nur eine soziale, sondern auch eine strategische Frage – gerade im Wettbewerb um Fachkräfte.

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