: „Wir sind einfachKarnevalisten“
Die „Kölschen Kippa Köpp“ sind der erste jüdische Karnevalsverein nach 1945. Für den Mitgründer und Präsidenten Aaron Knappstein ist das eine Möglichkeit, als nicht religiöser Mensch jüdisches Leben zu leben
Interview Petra Schellen Fotos Nadine Schwickart
taz: Herr Knappstein, Sie wohnen in der Nähe einer einstigen Kneipe für SS-Männer nach 1945. Wie fühlt sich das an?
Aaron Knappstein: Nicht sehr angenehm, aber ich versuche, nicht ständig daran zu denken. Erfahren habe ich davon peu à peu. Ich wusste, dass Josef Grohé, in der NS-Zeit Gauleiter in Köln, nach 1945 im Nachbarstadtteil wohnte. Dann kam heraus, dass es hier diese Gaststätte gab, wo eine Art SS-Kameradschaftsabende auf die „alten Zeiten“ stattfanden, an denen Grohé teilnahm. Und solche Orte gibt es ja überall: Bei Freunden in der Kölner Südstadt habe ich lange Jahre schöne Abende verbracht. Dann erfuhr ich, dass in diesem Haus die erste Kölner NSDAP-Zentrale war. Sie glauben gar nicht, wie panisch ich herauszufinden versucht habe, in welchem Stockwerk die betreffende Wohnung lag. Das ist natürlich irgendwie irre, aber man sagt sich: Das geht nicht, dass ich da schöne Abende verbringe. Es ist schon interessant, was Geschichte mit einem macht.
taz: Die Sie auch im Kölner NS-Dokumentationszentrum erforschen.
Knappstein: Ja. Es ist nicht mein Hauptjob, aber ich arbeite weiterhin in der Dokumentation. Angefangen habe ich vor Jahren mit Forschung zu stillen Helden – also Menschen, die Juden während der NS-Zeit unterstützt, sie im besten Fall gerettet haben.
taz: Gab es generell mehr stille Helfer als bekannt?
Knappstein: Es gab mehr, als man denkt. Aber nicht so viele, wie oft behauptet. Ich habe diese Diskrepanz mal sehr plastisch erlebt: Bei der Lesung eines der letzten Kölner Überlebenden aus dem Ghetto Litzmannstadt/Lódż, dessen Eltern und fast alle Verwandten ermordet wurden, fragte jemand aus dem Publikum: „Warum erzählen Sie nicht auch von den Leuten, die Juden unterstützt und versteckt haben?“ Da sagte der Überlebende: „Weil mir niemand geholfen hat.“
taz: Was haben Sie über die echten Helfer herausgefunden?
Knappstein: Dass es meistens Familienangehörige waren, vor allem aus sogenannten Mischehen. Weil es anderen fast nicht möglich war, fremde Menschen über Jahre zu verstecken. In der Kölner Innenstadt gab es zum Beispiel kaum versteckte Juden, weil die Leute so eng beieinander wohnten …
taz: … und irgendwer denunziert immer, wie bei Anne Frank in Amsterdam.
Knappstein: Ja. Deshalb waren die Verstecke meist weiter draußen.
taz: Der spätere Showmaster Hans Rosenthal überlebte in einer Gartenlaube bei Berlin.
Knappstein: Genau. In der Umgebung Kölns habe ich unter anderem in der Ortschaft Brauweiler ein Beispiel gefunden. Da haben Mutter und Tochter über Jahre ein jüdisches Paar über ihrem Zigarettengeschäft versteckt. Die vor vielen Jahren verstorbene Tochter sagte mir einmal: „Wir mussten das einfach machen!“ Nach dem Krieg wurden Helfer oft zum zweiten Mal ausgegrenzt. Denn keiner wollte wissen, was sie getan hatten, weil dann klar geworden wäre: Man hätte ja doch was tun können!
taz: Waren alle Helfer edel?
Knappstein: Nein. Manche habe ich nicht als „Gerechte unter den Völkern“ für die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem vorgeschlagen, weil sie Nazis waren. Sie halfen nach dem Motto: „Die anderen können deportiert werden, aber meine Schwägerin nicht.“ Worüber noch weniger geredet wird: Missbrauch, Schläge, Hilfe gegen Bezahlung. Ich bespreche immer mit den Nachfahren, ob ich jemanden für die Ehrung vorschlagen soll. In manchen Fällen lehnen sie ab.
taz: Gibt es weitere Spuren, denen Sie folgen?
Knappstein: Inzwischen bin ich im Dokumentationszentrum auch für Schicksale Kölner jüdischer Familien zuständig. Der Fokus liegt zwar auf der Zeit zwischen 1933 und 1945. Aber wenn uns Enkel oder Urenkel nach ihren Vorfahren fragen, helfen wir natürlich und recherchieren auch mal ins 19. Jahrhundert zurück. Der zweite wichtige Strang läuft inzwischen über unseren jüdischen Karnevalsverein „Kölsche Kippa Köpp“, der die Historie des ersten jüdischen Karnevalsvereins – des „Kleinen Kölner Klubs“ von 1922 – erforschen möchte.
taz: Wie war der entstanden?
Knappstein: Aus einem Kegelverein unter Freunden und Verwandten, alles jüdisch-liberale Kaufleute. Es war ein Männerverein mit ungefähr 20 Mitgliedern. Unsere Recherche begann mit dem Foto eines Vereinsausflugs in die Eifel aus dem Album des einstigen Klubpräsidenten. Neben den Personen standen Namen, unter anderem „Stock (Mörchen)“. Wir wussten, dass sich die Vereinsmitglieder sogenannte Biernamen gaben. Vereinspräsident Max Salomon etwa trug den Biernamen „Die Pläät“ – die Glatze. Bei „Mörchen“ dachte ich erst an einen Gemüsehändler. Aber Stock ist ein verbreiteter jüdischer Name und im Archiv des Dokumentationszentrums fand ich ihn nicht. Zufällig habe ich später in einer Anzeige des Vereins „M. Stock“ unter den Vorverkaufsstellen gefunden. M. stand für Moses, daher Mörchen, das könnte passen, dachte ich.
taz: Wie erging es ihm?
Knappstein: Moses und seine Frau emigrierten in die Niederlande, wurden aber später von den deutschen Besatzern deportiert und ermordet. Der Sohn ging nach Palästina, kam nach Köln zurück, bekam selbst einen Sohn und wurde dann Großvater. Dieser Urenkel von Moses Stock lebt in Bergisch Gladbach bei Köln.
taz: Wusste er Bescheid?
Knappstein: Er wusste nichts über die Karnevalsaktivitäten seines Urgroßvaters. Aber unter seinen Dokumenten, die wir dann gemeinsam durchsahen, fand sich ein weiteres Foto jenes Eifel-Ausflugs. Damit war auch bewiesen, dass sein Urgroßvater besagter M. Stock war.
taz: Wie ging es weiter mit dem „Kleinen Kölner Klub“?
Knappstein: Er veranstaltete schon bald große Karnevalssitzungen, ungefähr zehn Jahre lang. Das Fotoalbum des in die USA emigrierten Präsidenten Max Salomon enthält ein Bild von 1932 oder 1933 mit der Beschriftung „The Last Supper“ – das letzte Abendmahl. Es war das letzte Treffen des „Kleinen Kölner Klubs“. Das war sehr früh, noch vor der Machtübergabe an die NSDAP 1933. Aber diese antisemitische Stimmung herrschte ja schon weit früher.
Der Mensch
Aaron Knappstein, Jahrgang 1970, hat Judaistik, Politikwissenschaften und Geschichte studiert. Er ist langjähriges Mitglied des Karnevalsvereins „StattGarde Colonia Ahoj“ sowie Präsident des Ende 2017 gegründeten Karnevalsvereins „Kölsche Kippa Köpp“. Neben seinem Hauptberuf als Niederlassungsleiter einer Personalvermittlung arbeitet er als Dokumentar im Kölner NS-Dokumentationszentrum.
Der Karneval
Am 1. Februar laden die „Kölsche Kippa Köpp“ ins Dom im Stapelhaus in der Frankenwerft in Köln zur „Kneipensitzung der Spitzenklasse“ ein. Höhepunkt des Kölner Karnevals ist der Rosenmontagszug, in diesem Jahr am 16. Januar. Der seit 1823 veranstaltete „Zoch“ ist auch der älteste der großen deutschen Rosenmontagszüge. Und am Aschermittwoch ist es dann mit Karneval, Fastnacht, Fasching und der Narrenzeit schon wieder vorbei.
taz: Verstehen sich die „Kölschen Kippa Köpp vun 2017“, die sie mitgegründet haben, als Nachfolger?
Knappstein: Nicht ausdrücklich, und den alten Namen wollten wir nicht übernehmen, weil wir niemandem mehr nach seinem Einverständnis fragen können. Die drei „K“ im Namen haben wir aber behalten. Und natürlich knüpfen wir an die Tradition an, möchten zeigen, dass Juden immer im Karneval aktiv waren. Wir sind einfach Karnevalisten, die zusätzlich den jüdischen Aspekt haben und keinen ausschließen: Im Verein sind Frauen und Männer, Juden und Nichtjuden. Uns verbindet, dass wir entweder jüdischen Glaubens sind oder eine Verbindung dazu haben.
taz: Was bedeutet Ihnen selbst die jüdische Facette?
Knappstein: Ich bin überzeugt, dass ich nur dann offen und klar mich und mein Leben vertreten kann, wenn ich weiß, woher ich komme. Wenn ich mir sicher bin über mich und mein Jüdischsein. Denn wenn man – wie ich – nicht sehr religiös ist, fällt es schwer, klares jüdisches Leben zu leben. Man kann dem Sportverein Makkabi beitreten, man kann … viel mehr fällt mir ad hoc schon gar nicht ein. Und ich lebe ja in einem nichtjüdischen Umfeld. Meine besten Freunde, auch meine Kollegen sind Nichtjuden. Da ist dieser Verein eine Möglichkeit, mit Menschen zusammenzukommen, die die Geschichte teilen und Feiertage wie Jom Kippur kennen. Mein nichtjüdischer Mann sagt mir, dass ich durch den Karnevalsverein jüdischer geworden bin.
taz: Empfinden Sie das auch so?
Knappstein: Ja. Ich werde mir meines Jüdischseins stärker bewusst, bin mehr mit Juden zusammen. Da entsteht eine gefühlsmäßige Verbindung. Das hat mit Identität zu tun, mit gegenseitigem Verständnis und mit Halt. Gerade auch nach dem Hamas-Überall auf Israel am 7. 10. 2023.
taz: Aber fällt das Feiern leicht, nach dem 7. Oktober?
Knappstein: Das ist ambivalent. Der Überfall war am 7. 10., und die Karnevals-„Session“ beginnt am 11. 11. Die „Kippa Köpp“ haben am 11. 11. keine eigene Veranstaltung, und ich habe den Vereinsmitgliedern offen gehalten, ob sie feiern gehen. Ich selbst war am 11. 11. 23 eingeladen, im Kölner Rathaus zu sprechen. Das ist ungewöhnlich, denn bei dieser Präsentation des „Dreigestirns“ als offizielle Repräsentanten des Karnevals sprechen sonst nur hohe Vertreter der Stadt und des Karnevals.
taz: Worüber haben Sie gesprochen?
Knappstein: Über Antisemitismus, meine Gefühle nach dem 7. 10., solche Dinge. Ich habe es sehr persönlich gehalten. Obwohl es mir schwer fiel, habe ich mir gesagt: Ich mache das. Weil ich zeigen will, was die Jüdinnen und Juden dieser Stadt empfinden. Als Repräsentant der „Kippa Köpp“ habe ich natürlich im Karnevalsoutfit gesprochen.
taz: War das nicht eigenartig, angesichts des Anlasses?
Knappstein: Nein. Denn wir tragen diese Sachen mit sehr viel Respekt, auch zum jährlichen Gedenktag an die Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Januar auf dem jüdischen Friedhof. Daher war es auch am 11. 11. 23 im Kölner Rathaus kein Problem für mich. Und generell ist es so, dass Juden immer weiter gelebt und gefeiert haben. Das klingt vielleicht platt, aber wenn wir jedes Mal, wenn uns irgendwas passiert, aufhören zu feiern: Dann werden wir nichts mehr tun, als weinen und vor Gram in der Ecke liegen.
taz: Aber wie gehen Gram und Frohsinn zusammen?
Knappstein: Ich sage in all meinen Reden, dass wir stets beides im Blick haben. Neben der Fröhlichkeit ist die andere Seite immer da – sei es die Shoah, sei es der Krieg im Nahen Osten oder der Antisemitismus. Wir besprechen es, wir tragen es gemeinsam. Denn wir reden nicht phrasenhaft über jüdisches Leben, sondern wir leben es. Und selbst Freunde in Israel sagen uns: Klar müsst ihr weiter feiern. Ohne das andere zu vergessen.
taz: Dabei stammt die Idee zu den „Kippa Köpp“ von einem Nichtjuden.
Knappstein: Ja. Initiator war der Vorsitzende des Festkomitees Kölner Karneval, Christoph Kuckelkorn. Er hat seine jüdischen Bekannten und Freunde immer wieder aufgefordert, sich zusammenzutun. Er fand, es fehle ein Mosaikstein im Kölner Karneval. Ich habe gezögert, weil ich schon viele Ehrenämter habe, auch in anderen Karnevalsvereinen, und mir nicht noch mehr aufladen wollte. Im November 2017 haben wir uns dann doch mit anderen jüdischen Jecken getroffen. Und wie es in Deutschland so ist – ruckzuck war der Verein gegründet. Wobei wir nicht sofort an die Presse gingen, sondern erst mal sehen wollten, ob wir miteinander kompatibel sind. Denn nur weil wir Juden sind, heißt das ja nicht, dass wir uns mögen. Wir haben einen Stammtisch gegründet und erst im Januar 2019 die Presse informiert.
taz: Sie sind der weltweit einzige jüdische Karnevalsverein nach 1945?
Knappstein: Wir sagen das immer, und es widerspricht uns keiner. Auch unsere Recherchen haben nichts anderes ergeben.
taz: Keine jüdischen Karnevalisten in der Diaspora?
Knappstein: Nicht mehr. Unter den vorm NS-Regime Geflohenen damals schon. Max Salomon, Präsident des „Kleinen Kölner Klubs“, in Los Angeles, sein Bruder Willi in Palästina, der Sänger und Büttenredner Hans David Tobar in New York haben sofort weiter Karneval gefeiert. Und das während des Zweiten Weltkriegs und der Shoah! Max Salomons Mutter und Schwester wurden ermordet, auch Hans David Tobars Mutter und fünf Geschwister. In der Generation danach ist der Karneval dann verschwunden. Erst Enkel und Urenkel interessieren sich wieder.
taz: Wie ist es denn zu erklären, dass die Exilanten während der Shoah feierten?
Knappstein: Es ist schwer begreiflich. Aber ich glaube, dass der Karneval für diese Leute derart Teil der Persönlichkeit war, dass sie es sich nicht nehmen lassen wollten. Außerdem vermute ich, dass das Wissen über die Shoah damals noch nicht so groß war. Nur so kann ich mir das erklären.
taz: Wie verhielt sich derweil der offizielle Karneval?
Knappstein: Die Idee des Karnevals als Hort des Widerstands, die auch in Köln verbreitet wurde, ist absoluter Unsinn. Der Karneval hat sich, wie viele andere Organisationen, schnell untergeordnet und den „Arierparagraphen“ der Nazis umstandslos übernommen. Manche Karnevalsvereine haben schon vor der Machtübergabe an die NSDAP 1933 keine Juden mehr aufgenommen.
taz: Ab wann gab es antisemitische Karnevalswagen?
Knappstein: Der erste fuhr gleich 1934 im Rosenmontagszug. Er zeigte antisemitisch dargestellte Juden unter dem Motto „Die Letzten ziehen ab“. Der Wagen kam nicht von der NSDAP – die wollten das (noch) nicht, wegen des Tourismus –, sondern aus der Bürgerschaft. Erst ab 1936 gab es offizielle antisemitische Wagen. Einer zeigte einen antisemitisch dargestellten Bankier, dem ein Paragraf mit Springerstiefeln auf den Schlips tritt. Eine Anspielung auf die Nürnberger „Rassegesetze“.
taz: Haben die Karnevalsvereine das nach 1945 aufgearbeitet?
Knappstein: Spät. Der offizielle Karneval hat erst ab 2005, mit dem Amtsantritt von Markus Ritterbach als Präsident des Festkomitees Kölner Karneval, angefangen. Er hat das angesprochen, Ausstellungen organisiert und um Verzeihung gebeten.
taz: Sie selbst sind Mitglied der liberalen jüdischen Gemeinde. Wie steht die orthodox geführte Synagogengemeinde zu den „Kippa Köpp“?
Knappstein: Viele Menschen aus der Kölner Synagogengemeinde stehen uns offen gegenüber, einige sind bei uns Mitglied. Aber es gibt auch eine Gruppe in der Orthodoxie, die uns ablehnt, weil Karneval als christliches Fest für Strenggläubige verboten ist. Bedauerlich finde ich, dass diese orthodoxe Gruppe nicht mit mir redet, obwohl ich es immer wieder anbiete. Andere Menschen aus der Synagogengemeinde haben verstanden, wie viel wir für die jüdische Gemeinschaft dieser Stadt tun. Wie viele Menschen durch uns etwas erfahren über das Judentum, die Karnevalssitzung „Falafel und Kölsch“, unsere Revue „Jüdische Zeitreise durch den kölschen Fasteloven (rheinischer Begriff für Karneval; Anm. d. Red.)“. Wir sind ja alle etwas älter, also eher auf Facebook, und haben über 5.000 Follower.
taz: Erleben die „Kippa Köpp“ antisemitische Anfeindungen?
Knappstein: Bisher haben wir als Verein – ich klopfe auf Holz – keinen Antisemitismus erlebt. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass wir positiv in die Stadtgesellschaft reinstrahlen. Sicherlich wird es auch heute Antisemitismus im Karneval geben. Aber da die Repräsentanten des offiziellen Karnevals hinter uns stehen, halten viele Leute den Mund. Und das ist ja nicht das Schlechteste.
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