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„Wir mussten es einfach wissen“

Drei Jahre nach dem Angriff der Hamas auf Israel lasten die Ereignisse schwer auf den Familien der Opfer. Sie fragen sich: Wie konnte das geschehen?

Aus Re‘im und Berlin Lisa Schneider und Judith Poppe

Ein dunkler, glänzender Stein neben einer Bushaltestelle. Darauf ist ein Bild eingearbeitet: eine lächelnde Familie. Darunter stehen Namen und Daten, verschiedene Geburtstage, derselbe Todestag: 7. 10. 2023. Der Stein steht am Rande einer Schnellstraße, die zum Nova-Gelände führt. Hier, an dieser Stelle, wurde am Morgen des 7. Oktober 2023 beim Angriff der Hamas auf Israel Bar Zohar getötet, eine junge Frau, die kurz zuvor auf dem Nova-Festival getanzt hatte.

Heute, drei Monate später, stehen ihre Eltern, Kati und Meir Zohar, auf dem Gelände des Festivals. Um den Hals tragen sie identische Ketten, silbern, mit einem Anhänger, den das Gesicht ihrer verstorbenen Tochter ziert. Sie erzählen. Als am Morgen des 7. Oktobers die ersten Raketen flogen, habe ihre Tochter angerufen und gebeten, sie abzuholen. Sie solle ins Auto steigen, schnell weg, sagen die Eltern ihr.

Bar Zohar und einige Freunde schaffen das. Zunächst. Kurz vor dem Kibbutz Be‘eri hält ein Polizist sie auf. Wahrscheinlich seien dort Terroristen habe er ihnen gesagt und sie zurückgeschickt zum Nova-Festival. Auf dem Weg treffen sie auf zwei Autos, in denen Hamas-Terroristen sitzen. Bar wird angeschossen. Sie schafft es, in ein anderes Auto umzusteigen, mit ihren Freunden zurück zum Festivalgelände zu fahren, die Polizei zu alarmieren.

Bar überlebt nicht, sie erliegt später ihren Wunden. Ihr Vater Meir Zohar wird einer der Begründer der Gedenkstätte auf dem Parkplatz in Re‘im, an dem das Nova-Festival überfallen wurde. Schon zu normalen Zeiten besuchen mehrere Tausend Menschen pro Tage die Stätte. An diesem Mittwoch noch mehr: Manche Menschen streifen durch die Reihen von Gedenkstehlen, andere umarmen sich.

Am 7. Oktober 2026, drei Jahre nach dem Hamas-Angriff, um 6.29 Uhr am Morgen – in der Minute, in der der Angriff begann – haben in Israel die Gedenkveranstaltungen begonnen. Die offizielle Veranstaltung des Staates fand bereits am Montag statt. Premier Benjamin Netanjahu legte einen Kranz am Friedhof Mount Herzl in Jerusalem nieder. Nicht alle sind einverstanden mit dieser Geste.

Netanjahu wird heftig kritisiert, allen voran von den Familien der Geiseln und der am 7. Oktober Getöteten. Bis heute hat er – anders als Köpfe des Militärs und des Geheimdienstes – keine Verantwortung für das Versagen vor und am 7. Oktober übernommen. Eine unabhängige Untersuchungskommission blockiert der Regierungschef nach wie vor. Das kommt wohl nicht von ungefähr. Vor vier Wochen machte die israelische Tageszeitung Ha’aretz bekannt, dass Netanjahu kurz vor dem 7. Oktober vom Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohamed bin Zayed, gewarnt worden sein soll.Bin Zayed soll in einem Telefongespräch mit Netanjahu gesagt haben, dass Hamas-Chef Yahia Sinwar eine große Aktion plane, die nicht nur zu Blutvergießen führen, sondern die gesamte Region destabilisieren werde.

Kurz nach der Ha’aretz- Enthüllung wurde bekannt, dass Netanjahu wohl auch vom ägyptischen Geheimdienstchef eine Warnung erhalten habe. Netanjahu dementiert all dies. Stattdessen reiste er vor einer guten Woche in die Emirate, Medienberichten zufolge, um bin Zayed dazu zu bewegen, den Bericht zu dementieren.

Am Rand der Schnellstraßen in den Süden des Landes hängen gelbe Plakate. Das Gesicht Netanjahus ist darauf zu sehen, „schuldig“ steht daneben, das Datum „7. 10.“ Und: „Wir werden nicht vergessen, wir werden nicht vergeben.“ Die große Frage ist: Wie werden sich die Entwicklungen seit dem 7. Oktober vor drei Jahren auf die Wahlen auswirken? Am 27. Oktober werden die Israelis an die Urnen ziehen. Für die meisten Israelis – egal auf welcher Seite sie stehen – ist es eine Schicksalswahl.

Für Netanjahu steht nicht nur seine politische Zukunft auf dem Spiel, sondern auch die Frage, ob er sich weiterhin in der Sicherheit seiner Immunität angesichts des gegen ihn laufenden Korruptionsprozesses wiegen kann. Für seine extrem rechten Koalitionspartner, vor allem für die religiösen Zionisten rund um den Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben Gvir, und Finanzminister Bezalel Smotrich geht es um die Frage, ob sie das Land weiterhin nach ihren Maßstäben formen können, ob sie ihre messianischen Pläne für ein Groß-Israel weiterverfolgen, Geld in Siedlungsbau pumpen, und das Land immer stärker religiös prägen werden können. Siedlergewalt hat in den letzten Jahren nach dem 7. Oktober noch einmal drastisch zugenommen.

Die Regierungskritiker*innen wiederum hoffen auf einen Wandel und eine Spur von Stabilität. Nach dem Horror des 7. Oktobers, den Kriegen an so vielen Fronten und der Aushöhlung der Demokratie durch die derzeitige Regierung, die weiter fortschreitet.

Die Umfragen sagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den beiden Lagern voraus. Bei aller Ungewissheit angesichts der uneindeutigen Prognosen steht aber fest: Ohne Beteiligung der arabischen Parteien wird der ehemalige Militärchef und Herausforderer Netanjahus, Gadi Eisenkot, keine Mehrheit bilden können. Der Aushandlungsprozess wird in einem solchen Fall alles andere als leicht sein, denn der Druck auf Eisenkot, nicht mit den arabischen Parteien zusammenzuarbeiten, ist groß. In einem aber wird sich die Opposition einig sein: Sie haben angekündigt, im Falle eines Wahlsiegs unverzüglich eine unabhängige Kommission einzurichten.

Auf dem Nova-Gelände steht immer noch Kati Zohar, die Mutter von Bar. Sie arbeitet im Kibbutz Be’eri. „Immer wenn ich die Strecke dorthin fahre, denke ich an meine Tochter“, sagt sie: „Und daran, dass es die letzte Straße ist, auf der sie je fuhr.“ Einige Lücken in der Aufklärung über diesen furchtbaren Tag hat die Familie selbst gefüllt. Die letzten Stunden ihrer Tochter haben sie selbst recherchiert. „Es ist traumatisch, sich wieder und wieder diese Bilder ansehen zu müssen“, sagt Zohar schließlich: „Aber wir mussten es einfach wissen.“Lisa Schneider und Judith Poppe