Wintershall-Streit schwelt weiter: „Ein großes Missverständnis“

Die NS-belastete Firma Wintershall soll in dasselbe Gebäude ziehen wie ein Gedenkort. Der Vermieter versucht vergebens, die Verantwortung abzuwälzen.

Gleisrest mit Gedenkstelen

Anrührender Gedenkort: Gleisreste am Hannoverschen Bahnhof in Hamburgs Hafencity Foto: Christian Charisius/dpa

HAMBURG taz | Sie ist und bleibt umstritten: die Entscheidung, die NS-belastete Firma Wintershall Dea in dasselbe Gebäude der Hamburger Hafencity ziehen zu lassen, in dem das Dokumentationszentrum „Denk.mal Hannoverscher Bahnhof“ residieren wird.

Verfolgtenverbände finden diese „Kohabitation“ in Sichtweite jenes Ortes, von dem aus zwischen 1940 und 1945 8.000 Juden, Sinti und Roma in Konzentrationslager deportiert wurden, unzumutbar. Sie fürchten, bei BesucherIn­nen des Gedenkorts könnten alte Traumata aktiviert werden. Denn sowohl Wintershall als auch Dea hatten massiv vom NS-Regime profitiert und etliche ZwangsarbeiterInnen beschäftigt.

Bauherr Harm Müller-Spreer, der das Gebäude von der Stadt Hamburg erwarb und ihr lediglich die Museumsfläche im Erdgeschoss zurück verpachtete, fühlt sich im Recht: Vertraglich sei er nicht verpflichtet gewesen, im Vorfeld mit Opferverbänden – den Jüdischen Gemeinden, der Rom- und Cinti-Union, dem Landesverein der Sinti und der Stiftung Hamburger Gedenkstätten – zu sprechen.

Auch die Vorgabe, das Gebäude nicht so zu nutzen, dass es dem Zweck des Dokumentationszentrums widerspreche oder dessen Ausstrahlung störe, habe er erfüllt. „Wintershall hat seine NS-Vergangenheit vorbildlich aufgearbeitet, engagiert sich gegen rechts und ist heute ein ganz anderes Unternehmen“, sagt er.

Hafencity-Chef weist Mitverantwortung zurück

Doch nun, da der Protest der Opferverbände anhält, geht es um Details der Entscheidungsfindung und eventuelle Mitverantwortung: „Die Hafencity GmbH als unser Vertragspartner war darüber informiert, dass wir mit Wintershall Dea einen Mietvertrag für diese Fläche abschließen“, hat Müller-Spreer kürzlich dem Hamburger Abendblatt gesagt.

Da nicht sagt, wann diese Information erfolgte, suggeriert der Satz, die städtische Hafencity GmbH habe den Vertrag vorab gekannt und gebilligt. „Das entspricht nicht der Wahrheit“, sagt Hafencity-Geschäftsführer Jürgen Bruns-Berentelg. „Die Entscheidung des Bauherrn, die Wintershall Dea GmbH als Mieter in das Gebäude zu nehmen, wurde ohne vorherige Einbindung der Hafencity Hamburg GmbH getroffen.“

Und da Müller-Spreer nicht die erhoffte Sensibilität gezeigt und die qua Vertrag zu berücksichtigende „subjektive Wahrnehmung der Betroffenen“ eingeholt habe, habe er riskiert, dass es Probleme gebe. „Die aktuellen Proteste hat er sich selbst zuzuschreiben, und dafür muss er die Verantwortung übernehmen“, sagt Bruns-Berentelg.

Bauherr Müller-Spreer rudert inzwischen zurück und beeuert, das Ganze sei „ein großes Missverständnis“. Er habe vielmehr sagen wollen, dass er die Hafencity als Erste informiert habe, nachdem die Entscheidung für Wintershall gefallen war. „Herr Bruns-Berentelg hat keinen Fehler gemacht“, sagt Müller-Spreer.

Die tiefere Ursache des Streits liegt in der Tat darin, dass die Stadt Hamburg aus Kostengründen kein eigenständiges Museum baute, sondern sich mit der Untermieterrolle in einem Privatgebäude begnügte. Moderieren soll den Streit jetzt Birgit Voßkühler, Präsidentin des Hamburger Verfassungsgerichts, in einem Schiedsverfahren. Diese Option hatte die Stadt Hamrug vorsorglich in den Vertrag aufgenommen.

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